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Erster Gang in Cannes

Almodóvars Aperitif mundet ausgezeichnet

Die Ruhe vor dem Sturm ist der Aufregung gewichen, die sich da Festival de Cannes nennt...

Noch vor kurzem zeigte sich das Palais de Festival beschaulich... (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Noch vor kurzem zeigte sich das Palais de Festival beschaulich... (Foto: Kurt Krieger)

Am Dienstag Abend konnte man noch entspannt die Croisette entlang wandeln, ohne auf der Strandmeile Horden von Schaulustigen, Touristen und natürlich Filmfans zu begegnen, ohne die für Cannes typische Hektik und Aufregung.

Da war es, als würde sich die 68.000-Seelen-Gemeinde noch einmal zurücklehnen, noch einmal durchatmen, noch einmal Luft holen, bevor der alljährliche Ansturm auf das größte Filmfest der Welt beginnt. Bauarbeiter rückten noch letzte Absperrungen zurecht, die ansässigen Jugendlichen reklamierten noch einmal die Diskotheken und Clubs für sich, nur vereinzelt hörte man auf der Rue d'Antibes, der Hauptstraße des öffentlichen Lebens, Gespräche über Film.

...um bald darauf im Eröffnungs-Glanz zu erstrahlen (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

...um bald darauf im Eröffnungs-Glanz zu erstrahlen (Foto: Kurt Krieger)

Versöhnung auf Spanisch

Das hat sich seit Mittwoch geändert: Mit Pedro Almodóvars "La mala educación - Schlechte Erziehung" wurde es eröffnet, das 57. Festival de Cannes. Ein würdiger Startschuss, der im Handstreich die Peinlichkeiten des letztjährigen Festivals vergessen ließ. Wenn der Film nach fünf Minuten zu Ende gewesen wäre, wäre er bereits besser gewesen als der Eröffnungsfilm des Jahres 2003, das Mantel- und Degen-Debakel "Fanfan la tulipe", das es in Deutschland nicht einmal zu einem Kinostart schaffte. Der Verleih wusste warum.

Grund zur Freude für den hochgelobten Pedro Almodóvar mit Darsteller Gael García Bernal (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Grund zur Freude für den hochgelobten Pedro Almodóvar mit Darsteller Gael García Bernal (Foto: Kurt Krieger)

Experiment geglückt

Almodóvars bislang komplexeste und sicherlich auch düsterste Arbeit - eine immer wieder überraschende, raffiniert verschachtelt erzählte Verbeugung vor dem und Variation des Film noir - gibt sich da keine Blöße. Kein Bild ist da beliebig, wenn der spanische Regiemeister aus einem für ihn typischen Reigen explodierender greller Farben mehr und mehr einen beeindruckenden Albtraum herausschält, der einerseits natürlich völlig over the top, andererseits aber auch in dieser Form absolut zwingend ist.

Mutig dünkt da weniger Almodóvars unmissverständliches Bekenntnis zum Schwulsein, sondern vielmehr die unerschrockene Darstellung seines Stars Gael García Bernal, der womöglich seine junge Karriere aufs Spiel setzen würde, wenn er nicht so traumwandlerisch auf den Punkt spielte.

Jury-Präsident Quentin Tarantino und seine kompetenten Mitbewerter (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Jury-Präsident Quentin Tarantino und seine kompetenten Mitbewerter (Foto: Kurt Krieger)

Götter in Frankreich

Publikum und Presse goutierten diesen filmischen Balanceakt - übrigens beim selben Verleih wie "Fanfan" - mit Begeisterung. Nicht zuletzt, weil man sich einfach keinen besseren Eröffnungsfilm vorstellen könnte als einen, der sich in seinem allerletzten Satz wortwörtlich für ein Kino der Leidenschaft stark macht: ein schönes Versprechen für ein Cannes 2004, das viel wieder gut zu machen hat und bereit ist, die erklärte Absicht in die Tat umzusetzen.

An Juroren-Chef Quentin Tarantino liegt es sicherlich nicht, wenn die Vorgabe verpasst werden sollte. In der Jury-Pressekonferenz versprach er, sämtliche Filme ohne vorgefertigte Bewertungsmaßstäbe wirken zu lassen: "Wenn der richtige Film kommt", meinte er, "dann werden wir es wissen." Und er gab den nächsten Wahlspruch für das Festival aus: "Cannes ist der Himmel, wenn man Filme liebt."

Ab jetzt ist es an den 18 Wettbewerbsfilmen, das Publikum über die Wolken zu tragen - da, wo man sich auf dem Filmolymp frische Luft mit der Goldenen Palme zuwedelt.

Thomas Schultze, Cannes, 13.05.2004, 16:24
 
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