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Oliver Hirschbiegel

"Aufgabe ist, sich dem Schrecken zu stellen"

"Der Untergang" ist nach "Das Experiment" und "Mein letzter Film" Oliver Hirschbiegels drittes Kinoprojekt. Der Regisseur erklärt, warum er es gewagt hat, Hitler in den Mittelpunkt eines Spielfilms zu stellen.

Faible für schwierige Stoffe: Oliver Hirschbiegel (Foto: Constantin) Großansicht

Faible für schwierige Stoffe: Oliver Hirschbiegel (Foto: Constantin)

» Warum haben Sie sich mit "Der Untergang" dem kontroversen Thema des Dritten Reiches angenommen?

OLIVER HIRSCHBIEGEL:

Ich beschäftige mich mit dem Dritten Reich, seit ich zehn Jahre alt bin. Ich konnte einfach nicht fassen, dass sich eine Nation fast geschlossen und wissentlich in die komplette Barbarei hat locken lassen.

Ich glaube, dass dieses unfassbare Grauen nur in dieser Zeit und nur in Deutschland passieren konnte. Es muss da etwas in der Seele der Deutschen gegeben haben, das sie in diese Situation geführt hat. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Verkörperung des Grauens: Bruno Ganz als Hitler in Großansicht

Verkörperung des Grauens: Bruno Ganz als Hitler in "Der Untergang" (Foto: Constantin)

» Die klassische junge Kinozielgruppe hat heute häufig keine Lust mehr, sich mit dem Dritten Reich auseinander zu setzen. War das für Sie ein Anreiz?

Ich kann nachvollziehen, dass die Art, wie mit dem Thema umgegangen wird, vielen jungen Leuten auf die Nerven geht. Die Aufgabe ist jedoch, sich dem Schrecken zu stellen und zu untersuchen, wie sämtliche Fundamente des rechtsstaatlichen Denkens niedergerissen werden konnten.

» Der Film gibt jedoch keine Antwort darauf, wie es so weit kommen konnte.

Ein Film kann darauf keine definitive Antwort geben. Er kann sich nur dem Thema annähern, und anregen, sich mit der Materie zu beschäftigen, Denkanstöße liefern.

Josef und Martha Goebbels beim Doppelselbstmord vor dem Führerbunker (Foto: Constantin) Großansicht

Josef und Martha Goebbels beim Doppelselbstmord vor dem Führerbunker (Foto: Constantin)

» Die britische "Daily Mail" titelte in Zusammenhang mit Ihrem Film "Vergibt Deutschland Hitler doch noch?".

Ich verstehe überhaupt nicht, was das mit Vergeben zu tun haben soll. Es geht nicht um ein Abschließen des Themas, im Gegenteil.

Bisher wurde das auf breiter Ebene vor allem über eine Dämonisierung der Person Hitlers abgehandelt. Damit macht man sich die Sache jedoch viel zu leicht. Man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der Deutschen aktiv an diesen Ereignissen beteiligt war. Wenn wir nicht versuchen zu begreifen, was damals stattgefunden hat, werden wir den Opfern nicht gerecht.

Kostspielige Inszenierung der letzten Tage des Dritten Reichs (Foto: Constantin) Großansicht

Kostspielige Inszenierung der letzten Tage des Dritten Reichs (Foto: Constantin)

» Warum macht man über dieses Thema einen Spielfilm und keine Dokumentation?


Weil ein Dokumentarfilm nie in der Lage sein wird, emotional auch nur in die Nähe von dem zu kommen, was ein Spielfilm erreicht. Ein Spielfilm ermöglicht den Zuschauern, sich mitten in die Szenerie zu begeben, die Geschichte dreidimensional zu erleben. Er soll Neugier wecken und den Anstoß liefern, sich ernsthaft mit dem Geschehen auseinander zu setzen.

» Warum musste es gleich ein 13,5-Mio.-Euro-Film sein?

Das ist für deutsche Verhältnisse ein extrem hohes Budget, nicht aber im Maßstab dessen, was wir da erzählen. Sobald wir den Bunker verlassen, was dramaturgisch wichtig ist, wird die Sache teuer. In den USA würde so ein Film nicht unter 40 Mio. Dollar realisiert werden. Auch in Frankreich hätte man sicherlich das Doppelte veranschlagt.

Ein flüchtiger Moment trügerischer Idylle (Foto: Constantin) Großansicht

Ein flüchtiger Moment trügerischer Idylle (Foto: Constantin)

» Haben Sie die Szene, in der Magda Goebbels ihre Kinder umbringt, bewusst als Holocaust-Referenz inszeniert?

Absolut. In dieser Präzision, Gnadenlosigkeit und Reduktion auf einen technischen Ablauf ist das definitiv eine Referenz auf das, was millionenfach passiert ist. Es gibt noch eine weitere: der Berg von Leichen, den Schenk in dem Krankenhaus entdeckt.

» Ihre Darsteller leisten wieder einmal Großes. Was ist Ihr Geheimrezept hinsichtlich der Schauspielführung?

Die Voraussetzung ist natürlich, dass man eine klare Vision hat, wissen muss, was man vermitteln will. Ich weiß, dass ich sehr genau beobachte und zuhöre und nicht so viel rede. Offenbar gelingt es mir, eine Atmosphäre herzustellen, die es allen ermöglicht, ohne Hemmungen und Vorbehalte auf 100 Prozent zu gehen.

Bernd Eichinger und Hirschbiegel am Set (Foto: Constantin) Großansicht

Bernd Eichinger und Hirschbiegel am Set (Foto: Constantin)

» Wie war es, täglich Bruno Ganz als Hitler zu inszenieren?

Das war zum Teil schon sehr unheimlich. Bruno hat diese Rolle zu 100 Prozent aufgesogen. Nur manchmal, wenn uns z.B. eine Szene gut gelungen ist, hat er mal kurz aufgemacht, da kam dann für einen Moment der klassische schwarze Bruno-Ganz-Humor durch.

Ich habe Bruno, den ich zwar seit langem verehre, aber vor dem Film nicht persönlich kannte, von Anfang an sehr gemocht. Das ist für mich die Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit einem Schauspieler. Es war eine sehr konzentrierte, ernsthafte und freundschaftliche Zusammenarbeit.

Das letzte Aufgebot (Foto: Constantin) Großansicht

Das letzte Aufgebot (Foto: Constantin)

» Was wünschen Sie sich jetzt als Kontrastprogramm?

Nicht unbedingt eine leichte Komödie. Aber ein schönes Drama mit Hoffnung würde mir gefallen. Ende Oktober mache ich erst mal das Fernsehspiel "Ein ganz gewöhnlicher Jude" mit Ben Becker. Es ist teilweise bitterböse, hat aber einen guten Humor. Die Geschichte spielt heute, es geht auch über den Umgang mit dem Holocaust - aber auf einer viel leichteren Ebene.

» Gehen Sie in die USA?

Wenn es ein Projekt gibt, das mich in Deutschland hält, bin ich sofort da. Ich werde sicherlich nicht aufhören, Fernsehen zu machen und in Deutschland zu drehen - es hängt alles von den Projekten ab.

Stefanie Zimmermann, 09.09.2004, 13:42
 
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