Story

Mastermind von "Collapse"

"Augenzeuge des Zusammenbruchs"

Die Dokumentation "Collapse" basiert auf seinen alarmierenden Thesen, sein Buch "Crossing the Rubicon" erwies sich als detaillierte Analyse der maroden Finanzstrukturen Amerikas. Der von Whistleblower Michael Ruppert vorhergesagte Systemkollaps trat zwei Jahre später prompt ein - aber schon damals wollte niemand die unbequemen Fakten hören.

In Großansicht

In "Collapse" sieht Michael Ruppert die Industrienationen kollabieren. Dummerweise hatte der Mann schon einmal Recht. (Foto: Sunfilm)

Herr Ruppert, wenn Sie wüssten, dass morgen die Welt untergeht - würden Sie es jemandem verraten?

Michael Ruppert: Ja. Auf jeden Fall.

Auf eine gewisse Art haben Sie das ja auch schon.

So ist es. Und andere auch - ich bin ja nicht der einzige.

Reden wir über "Collapse": Die Zuschauer waren vom Film begeistert, Kritiker sagen: "Er ändert die Art unsere Welt zu betrachten". Leider wollte ihn trotzdem kaum jemand in den Kinos sehen. Die Zukunft der Menschheit scheint allen egal zu sein.

Man sollte nicht davon ausgehen, dass sich niemand für unsere Zukunft interessiert. Zumindest illegal wurde der Film schon über zwei Millionen Mal heruntergeladen, also stößt er auf großes Interesse. Ich kann nicht erklären warum die Leute nicht in Kino gingen. Ich glaube, das hing eher mit der Vermarktung zusammen - aber er hat durchaus eingeschlagen. Durch ihn habe ich auch Leonardo DiCaprio und Mel Gibson näher kennengelernt - ein angenehmer Nebeneffekt.

Begrenzte Ressourcen kollidieren mit einer Wirtschaft die auf endlosem Wachstum basiert. Der Rest ist eine Frage der Zeit. Warum herrscht keine Panik auf den Straßen?

Es ist ja noch nicht vorbei - dahin kommen wir schon noch. Auch wenn ich mich nicht darauf freue, es ist nur leider nicht vermeidbar. Speziell Deutschland und Europa verfolge ich sehr genau, da ich deutsche Vorfahren habe und schon einige Male dort war. Auch die EU-Krise verfolge ich natürlich. Allerdings bin ich persönlich der Überzeugung, dass die EU nicht überleben kann. Aber das kann letztlich kein Finanzsystem, da alle am Öl hängen.

Die Autoshows in Detroit müssen Ihnen geradezu zynisch erscheinen.

Das ist alles eher furchtbar traurig: Du siehst wie hohl das Ganze ist, wie Leute ihr tägliches Leben führen und sich vorgaukeln, dass alles völlig normal sei. Ich persönlich erwarte eine europäische Revolution noch diesen Sommer - vergleichbar der Revolution von 1848. Dazu wird der globale Ölverbrauch dieses Jahr den Rekordverbrauch von 2007 noch überschreiten. Gleichzeitig wurde allerdings die maximale Förderkapazität bereits überschritten - die Förderung in der Nordsee geht zurück, Mexiko wurde reduziert - alle größeren Ölfördernationen müssen zurückfahren. Wir haben keine Chance so viel Öl wie 2007 zur Verfügung zu stellen. Der Ölpreis wird im Sommer locker 150$ erreichen (Anm.d.Red.: aktuell ca. 100$)

Ich hoffe stark, dass Sie sich irren.

Großansicht

"Ich persönlich erwarte eine europäische Revolution noch diesen Sommer" (Foto: Sunfilm)

Ehrlich: Das hoffe ich auch.

Regierungen, Politiker, Manager: Nach ihren Thesen alles Lügner - zumindest was die Zukunft der Menschheit betrifft. Gibt es niemanden, dem man trauen kann?

Doch: Deinen Nachbarn. Leute, die mit dir leben - und die ein gemeinsames Schicksal mit dir teilen, wenn die Dinge anfangen schlimm zu werden. Daher bin ich überzeugt, dass wir die Erzeugung von Nahrungsmitteln auf regionaler Basis stärken müssen. Diesbezüglich stehe ich in Kontakt mit Leuten auf der ganzen Welt. Es ist das Wichtigste, das Menschen jetzt tun können: Nahrung regional produzieren und entsprechende Gemeinschaften bilden. Diesen Leuten wirst du trauen können - weil du das gleiche Schicksal teilst.

Der Kollaps den Sie vorhersagen kann nicht gestoppt werden. Warum dann noch mit einem ökologisch korrekten Leben abmühen?

Er kann nicht gestoppt werden - aber er kann abgemildert werden. Es muss ja nicht für jeden tödlich oder das Ende der Welt sein. Aber ganz klar: Wir haben die Verbindung gekappt zwischen unserer Spezies und dem Planeten, auf dem wir leben. Ich habe mich mit Leonardo DiCaprio getroffen - einem überzeugten Umweltschützer. Er sagte: "Eins ist offensichtlich: Umweltschutz ist längst keine liberale Wohlfühl-Sache mehr - es ist eine Frage des Überlebens der Menschheit." Und da zählt ja auch schon die gute Absicht. Unsere Ahnen - die Jäger und Sammler - hatten eine enge Beziehung zur Umwelt. Und in diese Richtung wird's wohl wieder gehen. Je besser wir uns darauf vorbereiten, desto einfacher wird es für uns später.

Trübe Aussichten für alle Großstädte.

Auch hier kann man vieles machen. Man kann im Hinterhof Nahrung anpflanzen, man kann lernen, wie man Wasser reinigt...

Wie wäre folgender Plan: In Öl investieren, kurz bevor alles zusammenbricht verkaufen - und den Gewinn in Gold, Pflanzensamen und Waffen investieren.

Gold ist sicher eine gute Sache - vor allem bei der zu erwartenden Inflation. Aber vor allem geht es um Dinge, die das Überleben sichern. Camping-Ausstattung, ein moderater Essensvorrat. Jetzt ist die richtige Zeit Sachen zu kaufen die es in ein bis zwei Jahren vielleicht schon nicht mehr geben wird.

Großansicht

"Auf der ganzen Welt brechen bereits jetzt zivile Unruhen aus - und es hat noch nicht mal richtig begonnen." (Foto: Sunfilm)

Und Waffen? Ohne Blutvergießen wird's nicht abgehen.

Das ist wohl unvermeidbar. Ich war Polizist, bevor ich Journalist wurde. Doch es wird nicht darum gehen, auf der Straße zu kämpfen. Aber es wird nötig sein, deine Gemeinschaft zu verteidigen. Auf der ganzen Welt brechen bereits jetzt zivile Unruhen aus - und es hat noch nicht mal richtig begonnen. Natürlich ist das in Amerika nochmal anders: Wir haben 240 Millionen Waffen in der Bevölkerung verstreut. Aber ganz klar: Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet. Darauf sollten wir hoffen.

Man hat ihnen schon viel Namen gegeben. Weltuntergangs-Prophet, Psycho, paranoid. Fragen Sie sich manchmal: "Vielleicht liegt's wirklich nur an mir."

Nein, nicht mehr. Bereits mein erstes Buch "Crossing the Rubicon" - 600 Seiten mit tausenden Fußnoten - steht in der Bibliothek von Harvard. Was ich hier geschrieben habe wurde von der Realität längst bestätigt. Nein - ich stelle mich selbst nicht mehr länger in Frage.

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Da bin ich gespalten. Sicher freut sich niemand darauf, Augenzeuge des Zusammenbruchs der industrialisierten Welt zu sein. Allerdings bin ich zuversichtlich, global betrachtet eine Evolution des menschlichen Bewusstseins erleben zu dürfen. In ein Bewusstsein das begreift, dass unendliches Wachstum nicht möglich ist. Dass wir uns lossagen können von der Gedankenkontrolle, die uns vorgibt, zu konsumieren, Geld auszugeben, zu kaufen - um angeblich glücklich zu sein. Und diesen Wechsel werde ich begrüßen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich dann noch am Leben sein werde. Aber ich bin überzeugt, dass er kommt.

Alexander Jodl, 15.02.2011, 10:57
 

"Collapse" - der Trailer

Videoplayer wird geladen ...
 
Hoch Runter
 

facebook