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Story
"Bei mir war es immer der Director's Cut"
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"DVD ist eine große Möglichkeit, Filme, die heute nicht mehr im Kino aufgeführt werden, wieder verfügbar zu machen."
» Die DVD-Box von Kinowelt, die Ihre Filme "Nosferatu", "Woyzeck", "Fitzcarraldo", "Aguirre" und "Cobra Verde" sowie "Mein liebster Feind" enthält, trägt Ihren Namen und den von Klaus Kinski, dem Hauptdarsteller dieser Filme. Hätte nicht der Name "Werner Herzog Box" ausgereicht?
Werner Herzog: Es gab eine Zusammenarbeit von uns, die diese Filme erzeugt hat. Kinski wäre ohne mich dabei nicht denkbar gewesen und ich ohne ihn genauso wenig. Da hatte sich etwas in sehr glücklicher Weise zusammengefunden. Es war zwar sehr hart, mit ihm zu arbeiten und immer an der obersten Grenze entlang. Aber es sind dabei sehr schöne Filme herausgekommen, die sicher auch Bestand haben werden.
» Wie empfindet ein Filmemacher, ein Kinoregisseur das Medium DVD?
Kinowelt bringt ja nicht nur meine Filme mit Kinski auf DVD heraus, sondern eine ganze Menge andere, die ich gemacht habe. DVD ist eine große Möglichkeit, Filme, die heute nicht mehr im Kino auf geführt werden, wieder verfügbar zu machen, und zwar in einer technisch sehr hohen, zum Teil sogar verbesserten Qualität. Ich erinnere mich, dass beispielsweise "Aguirre" 1971 in Mono gedreht wurde, nachträglich wurde am Ton jetzt sehr viel verbessert. Zu DVDs gibt es dann noch ein ganzes zusätzliches Umfeld: Begleitfilme, Kommentare, Fotos, die keiner kennt. Das ist eine schöne Möglichkeit für ein neues Publikum, ein neues Umfeld zu den Filmen zu erforschen. Man muss das nicht tun, aber man kann. Ich selbst würde mir bei einer DVD beispielsweise nie einen Audiokommentar anhören, aber es ist eine tolle Möglichkeit. Die Technik ist grandios. Schon in wenigen Jahren wird es dazu sehr günstige, ganz flache Bildschirme geben, womit man dann sehr nahe an die Kinoqualität herankommt. Allerdings fehlt weiterhin das kollektive Erlebnis im Kino. Dafür hat die DVD aber andere bereichernde Angebote, die man im Kino nicht bekommt.
» Dennoch haben Sie für alle DVDs Ihrer Filme Audiokommentare gesprochen.
Ja, kurz vor diesem Interview haben wir noch für "Herz aus Glas" einen Kommentar aufgenommen, zusammen mit Laurens Straub, einem alten Weggefährten und Verleiher. Ich selbst reiße mich nicht darum, um ehrlich zu sein. Aber ich mache das und bemühe mich, den Kommentar lebendig zu halten, weil ich weiß, dass das Publikum und die Käuferschicht, die sich entwickelt hat, das wünscht. Sie wollen, dass der Film eingebettet ist in andere Dinge. "Fitzcarraldo" hat zum Beispiel als Extra einen eineinhalbstündigen Begleitfilm über die Dreharbeiten, "Burden of Dreams" von Les Blank. Man bekommt damit ein einzigartiges Umfeld zu den Filmen, das man als Kinozuschauer nie haben konnte und kann. Ich erfülle diesen Wunsch des Publikums also gern.
» In Hollywood sagen viele Ihrer Kollegen inzwischen, sie denken schon beim Dreh an die spätere DVD-Produktion, indem sie Zusatzmaterial mitproduzieren oder zum Beispiel Outtakes aufbewahren. Oder es wird auf DVD der so genannte Director's Cut veröffentlicht.
Bei mir war es eigentlich immer von Haus aus der Director's Cut, weil ich selbst produziert und die Drehbücher selbst geschrieben habe. Und verzeihen Sie, wenn ich das so sage, aber diese Outtakes gehören meiner Ansicht nach auf den Müll. Ein Schreiner bleibt ja auch nicht auf seinen Hobelspänen sitzen. Möglicherweise ist das jetzt eine neue Sucht mancher Kollegen, die noch ihren ganzen Schrott mit abladen wollen. In manchen Fällen ist es aber auch so, dass der Verleiher einen Film für das Kino ursprünglich eingekürzt hat. Dann ist es verständlich, wenn ein Coppola heute sagt, "Apocalypse Now" war eigentlich 40 oder 50 Minuten länger, schaut euch das doch einmal an, auf der DVD habt ihr die Möglichkeit. DVDs bieten also zum Teil schon eine ganz neue Perspektive für das Publikum.
» Sind Sie eigentlich selbst DVD-Konsument? Schauen Sie sich auf DVD an, was Kollegen machen?
Ab und zu, ja. Video wollte ich dagegen nie sehen. Ich muss gestehen, dass ich aber auch kein großer Kinogänger bin. Auf DVD hat mich immer beeindruckt, wie technisch klar der Inhalt rüberkommt.
» Konkret zu Ihrer DVD-Box: Sie enthält auch die Dokumentation "Mein liebster Feind" über Sie und Kinski. Wie wichtig war der Teil Kinski in Ihrem Filmemacherleben?
Ich kann das genau quantifizieren. Von Kinskis Seite: Er hat 210 Filme gemacht, 205 davon ohne mich. Ich habe um die 50 Filme gedreht, davon 45 ohne ihn. Gut, das Publikum hat sich sehr stark auf die Filme mit Kinski kapriziert, sie liefen im Kino auch ganz gut. Aber auch bei den DVDs, die jetzt erscheinen, sind es nur fünf von 18 Filmen mit Kinski. Es ist ja auch schön, das Beziehungsgeflecht zu sehen zwischen Filmen, die ich mit ihm und die ich ohne ihn gemacht habe, zum Beispiel bei der Dokumentation "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner". Das ist für meine Begriffe ein Geschwister zu "Fitzcarraldo", weil beide Filme eigentlich eine Auflehnung gegen die Gesetze der Natur zeigen. Ein Schiff fliegt eben nicht über einen Berg, und ein Mensch fliegt nicht ohne Schwerkraft durch die Luft. Insofern muss man alle Filme als Ganzes sehen. Die Kinowelt hat jetzt nur als Erstes die Kinski-Filme aufgegriffen. Es war aber immer klar, dass sofort nachgezogen wird mit anderen Filmen.
» Dennoch haben die Filme, die jetzt in der DVD-Box zusammengefasst wurden, eine besondere Bedeutung?
Sicher. Aber ich kann es ganz einfach sagen: Es hat Filme vor Kinski, während Kinski und nach Kinski gegeben. Das Schöne bei der DVD-Edition ist, dass es nun viele Filme sind, an denen man erkennen kann, dass ich eigentlich nur an einem großen Film gearbeitet habe. Die Filme mit Kinski sind natürlich eine wichtige und tragende Säule, aber es gibt viele andere Säulen, die ein viel größeres Gebäude in sich gestalten.
» Sprechen Sie 13 Jahre nach seinem Tod noch gern über Kinski?
So wie immer, ja. Er ist ja ein unerschöpfliches Thema. Ein Mann, der so einzigartig war, verschwindet nicht, der ist nicht weg. Er wird Bestand haben. Ich habe auch bis heute nicht wirklich vollends begriffen, dass er nicht mehr da ist. Er hat eine solch berserkerhafte Kraft gehabt, dieses Tier konnte gar nicht sterben.
» Sind Sie mit der Zusammenführung der Filme in dieser Edition dann überhaupt zufrieden?
Das war natürlich die Idee des Vertriebs, wie auch in den USA, wo das mit der Box gut funktioniert. Dort hatten sie aber erst einmal mit "Nosferatu" angefangen, der damals sogar "Armageddon" von Platz eins der DVD-Charts verdrängte. Da wurden in den ersten Wochen gleich 300.000 Stück verkauft. Das ist völlig unglaublich gewesen für mich.
» Sie können der DVD also eine ganze Menge Positives abgewinnen?
Das Schöne ist einfach, dass es eine Neuerweckung gibt für Filme, die im Kino nicht mehr auftauchen, außer bei Retrospektiven oder Wiederaufführungen. Die Filme sind und bleiben mit DVD verfügbar. Auch sind, gerade in Hollywood, die Kinofenster sehr kurz geworden. Da wirkt eine große Mühle, und Filme werden immer schneller durch die Mühle gewalzt. Deshalb bleibt einem nur der DVD-Markt.
» Somit bietet die DVD auch eine große Chance für den deutschen Film, insbesondere wenn er, wie in vielen Fällen, nicht die große Masse erreicht.
Natürlich, aber auf dieses Problem stoßen Sie ja in allen Ländern. Wenn Sie in Russland einen russischen Film suchen, werden Sie den im Kino nur schwer finden. Auch dort gibt es nur Hollywood. Das Problem der Selbstbehauptung besteht überall, auch in Argentinien, Italien oder Polen. Dass jetzt mit der DVD eine Kinoidentität wieder verfügbar und zugänglich ist, ist eine große Entwicklung, die sehr rasant verläuft.
| Zur Person |
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Der Visionär unter den Regisseuren des Neuen Deutschen Films der 60er und 70er Jahre gewann mit seinem Kaspar-Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle" 1975 in Cannes den Spezialpreis der Jury, und sein 1978er Remake des "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau braucht sich hinter dem Vorbild nicht zu verstecken. Herzog studierte Geschichte und Literatur und debütierte nach einigen Kurzfilmen 1968 mit "Lebenszeichen". Mit "Aguirre, der Zorn Gottes" wurde Herzog 1972 international bekannt. Die Geschichte hat nachweislich Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" beeinflusst. "Aguirre", Herzogs bedeutendster Film, war auch die erste Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, dem von ihm bewunderten, geliebten und gehassten Darsteller, der noch in vier weiteren Herzog-Filmen ("Nosferatu", "Woyzeck", "Fitzcarraldo" und "Cobra Verde") die Hauptrolle spielte und dem Herzog 1999 den Dokumentarfilm "Mein liebster Feind" widmete. Zuletzt drehte er mit dem Dalai Lama die Dokumentation "Rad der Zeit". |
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