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Szenenapplaus

Brühl begeistert die Croisette

"Dieser Film wird mit Sicherheit einen Preis gewinnen!"

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Szenenapplaus für "Die fetten Jahre sind vorbei": Daniel Brühl (Foto: Y3 Film)

So weit wie diese Festival-Veteranin aus New York lehnen sich die Kritiker selten aus dem Fenster in Cannes. Hatte man sich doch erst letztes Jahr mit dem angeblich sicheren Tipp auf Lars von Triers "Dogville" großteils schwer verspekuliert.

Doch Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" fegte diese kollektive Zurückhaltung einfach beiseite: Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren war in diesem Jahr auch der erste, der im Kino nach etwas schleppendem Start mehrfach Szenenapplaus bekam, der regelrechte Lachsalven im Auditorium auslöste und den am Ende keiner vorzeitig verließ - obwohl es sich viele vorgenommen hatten: Im Anschluss stand Michael Moores Anti-Bush-Doku "Fahrenheit 911" auf dem Programm und es war klar, dass nur die ersten in der Schlange Einlass finden würden in ein Kino, das für das Festival-Highlight viel zu klein war. Doch das Ausharren bei Daniel Brühl, Stipe Erceg, Julia Jentsch und Burghart Klaußner lohnte sich.

Hauptdarsteller-Trio: Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg (Foto: Y3 Film) Großansicht

Hauptdarsteller-Trio: Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg (Foto: Y3 Film)

Drei Revoluzzer und ein Klassenfeind

In eine missliche Lage hatten sich drei etwas naive aber mutige Revoluzzer gebracht. Eigentlich wollten sie dem Besitzer einer Nobelvilla im schicken Berlin-Zehlendorf nur einen Schreck einjagen: Einbrechen, Möbel umstellen und anti-kapitalistische Nachrichten wie "Sie haben zuviel Geld" hinterlassen - das ist ansonsten das Motto der Gruppe, die sich großspurig "Die Erziehungsberechtigten" nennt.

Diesmal platzt allerdings unerwartet der Besitzer (Klaußner) dazwischen. In ihrer Not packen die drei den Klassenfeind kurzerhand in einen VW-Bus und quartieren sich in einer Alpenhütte ein, um die missliche Lage erst mal zu durchdenken.

Der millionenschwere Firmenleiter entpuppt sich allerdings bald als ehemaliger 68er, der seinerzeit mit Rudi Dutschke auf Du und Du stand, und in einer 6er WG die freie Liebe praktizierte. Als sich die Grenzen zwischen den zwei Wertesystemen immer mehr verwischen, die Geisel seine Kiffer-Jugend wiederentdeckt, die Jugendlichen sich in eine Dreiecksliebe verstricken, hat der Film seine schönsten, weil menschlichsten Momente.

Lob und Anerkennung für den Regisseur: Hans Weingartner (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Lob und Anerkennung für den Regisseur: Hans Weingartner (Foto: Kurt Krieger)

Weingartner hält den Ball flach

Nach den Reaktionen im Kino musste sich Regisseur Weingartner natürlich prompt fragen lassen, welches Gefühl es denn sei, mit dem ersten deutschen Beitrag seit 11 Jahren in Cannes zu sein und womöglich auch noch einen Preis mit nach Hause zu nehmen:

"Darüber mache ich mir keinen Kopf", reagierte Weingartner trocken und fast etwas brüsk. Beeilte sich aber, brav anzufügen: "Klar ist es ein tolles Gefühl. Cannes ist ein besonderes Festival, bei dem man auf Schritt und Tritt spürt, dass die Menschen hier einfach Filme lieben. Aber mir geht es nicht um die Ehre, sondern um meinen Film. Denn der bekommt hier viel Aufmerksamkeit. Das bedeutet, dass ihn mehr Menschen im Kino sehen werden. Und dafür macht man schließlich Filme."

Das wird auch Jury-Präsident Quentin Tarantino nicht müde zu betonen. "Ich bin das Publikum!" tönte er im Anschluss an "Kill Bill Vol. 2", der an der Croisette außer Konkurrenz lief. Gefragt hatte man ihn, wie er denn mit derart leichter Hand Kunst und Kommerz verbinden könne. Er mache einfach, was ihm selbst gefalle, erläuterte er.

Hat kein Problem mit Gewalt: Uma Thurman (Foto: Buena Vista) Großansicht

Hat kein Problem mit Gewalt: Uma Thurman (Foto: Buena Vista)

Tarantino ist immer und überall

Tatsächlich ist Tarantino vor allem der Dreh- und Angelpunkt des diesjährigen Festivals: Massenaufläufe, wo immer er auftaucht, hysterische Fans, die auf handgemalten Plakaten um eine Einladung zu Gala-Vorführung und anschließender Party betteln, "Quentin, Quentin!"-Rufe der Fotografen, die den Star wie ein Bienenschwarm umschwirren um ein Lächeln des Meisters für die Nachwelt festzuhalten.

Schon die Filmauswahl ist eine Verneigung vor Tarantino. Das kompromisslose Rachespektakel "Old Boy" beispielsweise ist schlicht "Kill Bill Vol. 1" auf Koreanisch. Regisseur Park Chan-wook rechtfertigte sein Blutgericht mit der These, es sei die Aufgabe des Künstlers, mit Tabus zu arbeiten. Tags zuvor hatte Uma Thurman ihren Regisseur Tarantino mit ähnlichen Worten gelobt: "Dieser Mann schreckt vor keinem Tabu zurück und dafür verehre ich ihn!"

Rachespektakel nach Tarantinos Geschmack:

Rachespektakel nach Tarantinos Geschmack: "Old Boy" (Foto: Cannes)

Kaum Highlights im Wettbewerb

Neben Chan-Wook bringt "2046" mit Wong Kar-Wai den Mann nach Cannes, den Quentin Tarantino außerhalb Asiens hoffähig gemacht hat, mit "Dawn of the Dead" läuft Tarantinos erklärter Lieblingsfilm der Saison außer Konkurrenz und mit "Innocence" bereichert das Sequel zu Tarantinos Lieblings-Manga "Ghost in the Shell" den Wettbewerb. Zum Ende des Festivals gibt's oben drauf noch mal "Kill Bill" in der vierstündigen japanischen Fassung, zuvor zeigte die Reihe "Cannes Classics" Chang Ches "Das Schwert des gelben Tigers" - die Blaupause zu jedem Martial-Arts-Movie, inklusive und besonders "Kill Bill".

Doch das heißt nicht unbedingt, dass stillere Filme wie der Weingartners keine Chance auf die begehrtesten Palmzweige der Côte d'Azur hätten. "Ein Film muss vor allem Persönliches zeigen", hatte Tarantino erläutert. "Wenn du eine Bergsteiger-Doku machst und gerade Liebeskummer hast, muss man etwas davon in deinem Film spüren."

Vielleicht ein Plus für den ehemaligen Hausbesetzer Weingartner und seinen Star Daniel Brühl, dessen gewachsene Leinwand-Präsenz das fanatische Revoluzzer-Trio erst glaubwürdig macht. Die Konkurrenz im Wettbewerb ist bisher ohnehin überraschend schwach: Highlights wie das Pädophilen-Drama "The Woodsman" mit Kevin Bacon liefen in den Nebenreihen, der Blockbuster "Shrek 2" hatte keine überzeugende Geschichte zu bieten und Emir Kusturicas "Life is a miracle" entpuppte sich gar als Ärgernis des Festivals. Mal sehen also, was Michael Moore und die "Ladykillers" in petto haben...

Boris Sunjic, Cannes, 17.05.2004, 16:46
 
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