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"Der Mann hat einfach bedingungslos geliebt"
» Ich habe meiner Freundin gerade erzählt, dass ich dich interviewen gehe. Sie hat losgeschrien wie ein Teenager.
DANIEL BRÜHL: Oh, wie schön, liebe Grüße.
» Ist das eine normale Reaktion oder muss ich mir Sorgen machen? Passiert dir das häufiger?
Nun ja, seit "Good Bye, Lenin!" hat sich einiges verändert. Die knapp sieben Millionen Zuschauer müssen ja irgendwo sein. Da wird man schon häufiger erkannt. Vor allem in Berlin wurde ich vor ein paar Monaten sehr oft angesprochen. Es hat mich allerdings nicht wirklich gestört; die Freude darüber überwiegt natürlich. Meistens sind die Begegnungen schließlich nett.
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Mit Florian Lukas kreiert er in "Good Bye, Lenin!" eine Scheinwelt (Foto: X Verleih (Warner))
"MENSCHEN WIE DANIEL KÜBLBOCK TUN MIR LEID"
» Vor ein paar Jahren hast du gesagt, dass man in Deutschland erst als Star aufgebaut und dann schnell wieder fallen gelassen wird. Deshalb würdest du aufpassen, dass dir das nicht passiert. Wie kommst du darauf und inwiefern hast du davor Angst?
Von Kollegen habe ich ja schon mitbekommen, wie hart die Presse sein kann: Erst lobt sie dich auf Teufel komm raus in den Himmel und dann lässt sie dich gnadenlos fallen. Das passiert, wenn eine gewisse Übersättigung stattfindet. Aber das ist ja immer das Problem mit dem Erfolg. Erfolg bringt mit sich, dass man mehr Angebote bekommt, mehr Möglichkeiten zu arbeiten hat und deshalb auch stärker in der Öffentlichkeit steht. Wenn man es dann übertreibt und nicht darauf achtet, sich ein wenig rar zu machen, dann geht man den Leuten irgendwann einfach auf den Keks und sie wollen einen nicht mehr sehen. Genau so ist das ja einigen Schauspielern wie Katja Riemann passiert.
» Passt man deshalb bei der Rollenauswahl besser auf?
Auf alle Fälle. Vor ein paar Jahren noch, nach "Das weiße Rauschen", habe ich so eine Narrenfreiheit verspürt, weil ich wusste, dass mich kein Arsch kennt und ich mich ausprobieren kann. Jetzt überlege ich mir tatsächlich dreimal, ob ich mich auf etwas einlasse und lege das Augenmerk sehr stark auf die Auswahl der Rollen. Trotzdem kann man es nie genau wissen, und ich lebe ständig ein wenig mit er Angst, dass es morgen schon vorbei sein könnte. Das gehört in dem Beruf wohl dazu. Uns Schauspielern geht es ja noch gut, aber wenn ich Menschen sehe wie Daniel Küblböck in dieser Dschungelsendung, dann tun die mir richtig leid. Wenn ich den angucke, könnte ich heulen, weil ich weiß, dass der eine echt arme Wurst ist. Niemand weiß, wo der in einem halben oder einem Jahr landet. In der Psychiatrie? Keine Ahnung, was mit solchen Leuten passiert.
"IRGENDWANN FÜHLT MAN SICH LEER UND GELANGWEILT"
» Ist es in diesem Zusammenhang auch ein Schutz, dass du im Ausland arbeiten möchtest? Du hast eben in England gedreht, wolltest auch immer schon mal in deinem Geburtsland Spanien was machen...
Absolut. Das geht halt jetzt so langsam los, insbesondere weil "Good Bye, Lenin!" im Ausland so erfolgreich war. Deshalb hat es auch mit der Rolle in dem englischen Film geklappt. Außerdem habe ich jetzt eine sehr gute Agentur in Spanien, so dass ich dort die ersten Bücher zugeschickt bekomme. Mal gucken, ob was dabei ist. Das Ding ist, dass die Leute immer denken, dass mir nach "Good Bye, Lenin!" nur noch Superangebote ins Haus flattern. Tatsächlich hat die Quantität zugenommen, aber mit der Qualität ist das so eine Sache. Je weiter man seinen Radius steckt, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass was Gutes dabei ist.
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Für die Rolle als Mönch in "Vaya con dios" wurde er mit dem bayerischen Filmpreis ausgezeichnet (Foto: Senator)
» Der Rummel um dich, auch hier auf der Berlinale ist gigantisch. Wie kommt man da wieder runter?
Ach, das ist gar nicht so schwierig. Da muss man einfach ein wenig härter werden. Eigentlich entspricht das ja nicht meiner Art, aber das kann man lernen. Im Zuge von "Good Bye, Lenin!" habe ich im letzten Jahr mehr Zeit damit verbracht, einen Film zu promoten, als selbst Filme zu drehen. Das hat wenig mit dem Beruf zu tun, und man kann irgendwann auch nicht mehr darüber reden, weil man sich leer fühlt und langweilt. Ich mache das dann so, dass ich einfach wegfahre, keinem sage, wo es hingeht, mein Handy ausschalte und dann von der Bildfläche verschwunden bin. Letztens war ich spontan zehn Tage mit meiner Freundin in Spanien und bin einfach nicht ans Telefon gegangen. Das gibt zwar manchmal Gezeter, aber das ist dann Wurst. Ich brauch das eben auch.
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Träumer: Daniel Brühl und August Diehl in "Was nützt die Liebe in Gedanken" (Foto: X Verleih (Warner))
"MIT AUGUST DIEHL HAT SICH SOFORT EINE FREUNDSCHAFT ENTWICKELT"
» Für "Was nützt die Liebe in Gedanken" standest du nun ja mit einem ausgewiesenen Theaterschauspieler, mit August Diehl, vor der Kamera. Wie war's denn?
August und ich haben uns mit Regisseur Achim von Borries, den Drehbüchern und jeder Menge Absinth in eine abgelegene Mühle in Brandenburg zurückgezogen, wo nichts, aber auch gar nichts war. Wir kannten uns vorher ja gar nicht, weshalb es umso spannender war. Man fragt sich schon: Was kann der andere, wie ist der so? Und zum allerersten Mal ist es mir passiert, dass sich mit einem Kollegen vom ersten Augenblick an eine tiefe Freundschaft entwickelt hat, die über den Film hinausgeht. Wir sehen uns regelmäßig, sind fast Nachbarn in Berlin.
» Gar kein Konkurrenzdenken? Schließlich werdet ihr beide als die besten deutschen Jungschauspieler gehandelt.
Ich weiß, es klingt klischeehaft: aber nee, überhaupt nicht. Wir haben uns angefreundet, und dabei festgestellt, wie der andere so tickt. Deshalb wissen wir jetzt auch, welche Rolle besser zu wem passt. Außerdem brauchen wir uns beide nicht zu beschweren. Wir sind ja beide super beschäftigt. Wir haben Nachfolgeprojekte und würden sehr gerne wieder zusammenarbeiten. Wir wollen jetzt auch gemeinsam etwas schreiben - vielleicht ein Drehbuch, vielleicht nur ein Exposé. Uns Schauspieler befragt ja nie einer zu einer Story, und das wollen wir jetzt ändern.
"ICH HATTE AUCH SOLCHE GEDANKEN, WÄRE ABER NIE SOWEIT GEGANGEN"
» Paul Krantz ist die erste authentische Figur, die du gespielt hast? Wie wichtig ist die "Vorlage" der echten Person?
Das Schwierige war die Radikalität der Figur. Ich habe mir zwar in meiner Jugend auch solche Gedanken gemacht, aber ich wäre nie so weit gegangen. Ich habe als Vorbereitung die Bücher von Paul Krantz gelesen, im Internet alles recherchiert, was zu finden war. Am aufschlussreichsten waren wohl die Notizen des Verteidigers von Paul Krantz. Sogar als es um seinen Kopf ging, hat er seine große Liebe, die Hilde, noch verteidigt. Ich hätte die wahrscheinlich umbringen wollen, nach allem was sie mit ihm angestellt hat. Aber daran habe ich gesehen, wie bedingungslos der Mann geliebt hat.
» Hattest du keine Schwierigkeiten, dich in den Charakter hineinzuversetzen, wenn deine Denkweise so anders ist als die der Figur?
Nicht die Denkweise, denn diese Melancholie, diese Suche nach dem höchsten Punkt kenne ich. Aber dummerweise habe ich sogar ein Foto von ihm aus der Zeit aufgestöbert. Das hätte ich nicht machen sollen, denn Paul Krantz sah komplett anders aus als ich, was mich schon gestört hat. Ich konnte es mir schwer vorstellen, dass ich jetzt diese Person sein soll. Man hat ja auch ein Verantwortungsgefühl der Figur gegenüber. Deshalb ist es normalerweise besser, nicht so tief in eine historische Figur einzutauchen, denn du musst die Person ja eigentlich für dich selbst finden, um sie dann auch spielen zu können.
» Wie fühlt man sich denn, wenn man mit 25 Jahren einer der Ältesten ist am Set?
Das größte Problem habe ich im Altersunterschied zu Anna Maria Mühe gesehen. Schließlich ist sie acht Jahre jünger als ich. Dann hat sie mich beim Casting dermaßen an die Wand gespielt, dass ich dachte: 'Holla, wer ist denn das!' Ansonsten glaube ich, dass die Sache mit dem Alter eigentlich ganz gut funktioniert. August und ich hatten uns tatsächlich vorgenommen, noch einmal 19 zu sein und haben dementsprechend jede Menge Quatsch gemacht. Vom Aussehen her gab es keine Schwierigkeiten, denn die Jungs waren damals einfach früher erwachsen. Dagegen sind wir echte Bübchen.
Tom Wimmer, Berlin, 16.02.2004, 15:56
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