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Ang Lee im Gespräch

"Der Wandel in den USA macht mir Sorgen"

In "Brokeback Mountain" erzählt Ang Lee vom Mythos der Freiheit im Wilden Westen und der verbotenen Liebe zwischen zwei Cowboys. Für dieses Meisterwerk erhielt er verdientermaßen den Goldenen Löwen.

Regisseur Ang Lee bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Regisseur Ang Lee bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (Foto: Kurt Krieger)

» Woher kommt Ihr Draht zur westlichen Kultur?

ANG LEE:

Ich bin in Taiwan mit amerikanischen Filmen groß geworden, das prägt. Dann habe ich das US-Film-Business von innen kennen gelernt. Alles nur Show. Den wirklichen amerikanischen Spirit findet man auf dem Land. Man vergisst leider zu schnell, wie gewalttätigig, konservativ und tief religiös die Menschen dort sind.

Mich interessiert diese Kultur mit all ihren Facetten. Wir wollten deshalb auch keinen Genre-Film drehen, sondern den wahren Wilden Westen zeigen.

Wenn aus einer guten Freundschaft mehr wird: Großansicht

Wenn aus einer guten Freundschaft mehr wird: "Brokeback Mountain" (Foto: Tobis)

» Mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal setzen Sie auf neue Gesichter.

Ich hätte auch andere Schauspieler engagieren können, aber Heath und Jake schienen mir für "Brokeback Mountain" perfekt. Sie sind professionell, abeiteten sehr präzise und verfügten über die nötige Unschuld.

» Wie haben Sie die delikaten Sexszenen vorbereitet?

Wir haben darüber diskutiert und lange geprobt. Es ging ja nicht um mehr oder weniger schwul, sondern um mehr oder weniger Gefühle. Wichtig war es, dass die Chemie zwischen den beiden stimmte und die Verwirrung bei der ersten Sexszene rüberzubringen, das überraschende Moment.

Ang Lee am Lido mit Anne Hathaway, Jake Gyllenhaal und Heath Ledger (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Ang Lee am Lido mit Anne Hathaway, Jake Gyllenhaal und Heath Ledger (Foto: Kurt Krieger)

» Sie wirken so nett und freundlich. Wie setzen Sie sich am Set durch?

Ich versuche, die Schauspieler mit Argumenten zu überzeugen und mich auf ihre Bedürfnisse einzulassen. Das halte ich für effektiver als herumzuschreien.

» Gibt es einen Unterschied zwischen chinesischen und amerikanischen Schauspielern?

Chinesische Schauspieler wollen morgens wissen, was sie tun sollen. Und dann sind sie voll bei der Sache, gehen für mich durchs Feuer. Aber sie erwarten meine Entscheidungen.

Amerikaner geben auch ihr Bestes, wollen jedoch Ideen einbringen und gemeinsam die Szenen durchgehen. Da muss ich mich mehr auf die Psyche des Einzelnen einstellen. Irgendwie kann man sich immer arrangieren.

Die erste Hollywood-Produktion des Regisseurs aus Taiwan: Großansicht

Die erste Hollywood-Produktion des Regisseurs aus Taiwan: "Sinn und Sinnlichkeit" (Foto: Columbia Tristar)

» Was war die größte Herausforderung?

Die emotionale Kontinuität über den Zeitrahmen von 20 Jahren zu halten und auf Details zu achten. Das erforderte sehr viel Exaktheit und ist bei einem Film, der in einer anderen Zeit spielt, immer kompliziert. Ich hoffe, das Publikum sieht unsere Anstrengungen.

E. Annie Proulx's Kurzgeschichte umfasste nur 30 Seiten, die mussten wir erzählerisch füllen, auch keine leichte Angelegenheit. Leider hatten wir mit dem Wetter Pech, und das in den Bergen.

» Die US-Gesellschaft wird immer konservativer. Inwieweit schlägt sich diese Entwicklung im Film-Business nieder?

Ich bin seit 1978 in Amerika, der gesellschaftliche und politische Wandel in den letzten drei Jahren macht mir Sorgen. Ich fühle zwar keine konkrete Bedrohung, aber da läuft etwas ab, das bei mir Unbehagen auslöst.

Auch das Film-Business wird konservativer. Weniger aus ideologischen denn aus wirtschaftlichen Gründen. Man kann immer noch einen Independent-Film mit moderatem Budget drehen, aber der Druck durch Studios und Verleih nimmt zu. Sobald sich das Investment nicht auszahlt, zeigen die Studiobosse die Zähne.

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"Tiger & Dragon" wurde bei der Oscarverleinung 2000 zum Besten fremdsprachigen Film gekürt (Foto: Arthaus)

» Erwarten Sie Kontroversen?

Die schließe ich nicht aus. Aber die Marketing-Strategen haben mich beruhigt. In Städten mit über 50.000 Einwohnern bekam Demokrat John Kerry bei den Wahlen die Mehrheit. Da können wir den Film starten.

» Ist das Prequel von "Tiger & Dragon" mehr als nur ein Gerücht?

Es gibt dazu vage Pläne, ich arbeite am Skript zu einer Vorgeschichte von "Tiger & Dragon", aber eine definitive Entscheidung steht noch aus. Im Moment will ich nur Urlaub und mich nicht schon wieder zum Sklaven des Geschäfts machen lassen.

Margret Köhler, 13.09.2005, 14:32
 
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