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W. Allen im Gespräch

"Die endlosen Sequels beleidigen den Intellekt"

Um Irrungen und Wirrungen eines jungen Paares geht es in Woody Allens New Yorker Beziehungskomödie "Anything Else". Die modernen Stadtneurotiker Jason Biggs und Christina Ricci erleben Liebeslust und Lebensfrust, während der Meister selbst einen Waffennarren mimt.

Arbeitswütiger Altmeister Allen: Seit 30 Jahren beinahe jährlich ein Film (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Arbeitswütiger Altmeister Allen: Seit 30 Jahren beinahe jährlich ein Film (Foto: Kurt Krieger)

» Was bedeutet es für Sie, nach dem Ende ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Columbia, nun jedes Projekt neu verhandeln zu müssen?

WOODY ALLEN: Mit Letty Aronson habe ich ja auch schon einige Filme produziert. Natürlich müssen wir immer wieder einen neuen Partner ins Boot holen und uns auf ihn einstellen, das ist nicht immer ganz leicht. Wenn man nur für eine Firma arbeitet, ist das entspannter.

Ich bin für den kreativen Teil zuständig und daran wird sich auch nichts ändern. Bisher lief alles ganz gut, meine Filme sind nicht so teuer. Ich brauche auch nicht 20 Wochen Drehzeit oder muss für teures Geld in einem Hotel wohnen, weil ich in meiner Umgebung drehe.

Waffenfreak Woody Allen mit Neurotiker Jason Biggs in Großansicht

Waffenfreak Woody Allen mit Neurotiker Jason Biggs in "Anything Else" (Foto: Alamode Film)

» Setzen Sie mit Teenie-Star Jason Biggs und Christina Ricci auf ein junges Publikum?

Ich nehme die Schauspieler, die die Geschichte erfordert. Jason Biggs ist 25, da kann ich schlecht Meryl Streep als seine Freundin engagieren. Aber ich mache keine Filme für junge Leute, das war nie mein Anliegen.

Dadurch kommt es schon mal zu Schwierigkeiten mit den Studios, für die jemand ab 35 als Greis gilt, der das Kino meidet. Ich habe Dreamworks, die "Anything Else" in den USA verleihen, klar gesagt, das sei ein Film für Erwachsene. Aber die wollten nicht auf mich hören. Im Trailer komme ich nicht vor, nur Jason Biggs und Christina Ricci.

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Klassiker: "Der Stadtneurotiker" und Diane Keaton (Foto: United Artists)

» Fühlen Sie sich bei dem Jugendwahn nicht etwas fehl am Platze?

Dieses Forever-young-Feeling, also so zu tun, als bleibe man ewig jung, halte ich für einen Fehler. Die Jungen zeichnen sich nicht gerade dadurch aus, dass sie gute Filme oder anspruchsvolles Theater zu schätzen wissen. Die meisten Filme für sie sind Blockbuster mit Special Effects, oft ziemlich einfach und vulgär, überhaupt nicht sophisticated. In meiner Generation waren wir auch nicht alle Genies.

Ich bin wegen mieser Noten vom College geflogen und galt nie als besonders smart. Aber wir hatten die Gelegenheit, Filme von Antonioni, Truffaut, Fellini oder Bergman zu sehen, und hätten keine Geduld für dumme Filme gehabt.

Inzwischen gibt es kaum noch Abspielstätten für europäische Filme, weil das Publikum dafür fehlt. Selbst Studenten sind oft von filmischem Wissen unbeleckt. Meine Filme laufen nur in Universitäts- und Großstädten. Auf dem Land spielen die Kinos Action oder "American Pie" & Co.

Der typische Allen-Blick durch das immer gleiche Brillengestell (Foto: Alamode Film) Großansicht

Der typische Allen-Blick durch das immer gleiche Brillengestell (Foto: Alamode Film)

» Ist die Filmkultur am Ende?

Jedenfalls durchläuft sie eine schlechte Phase. Schauen Sie nur, was die Studios produzieren. Diese endlosen Sequels oder dämlichen Komödien mit Special Effects beleidigen den Intellekt, bringen aber Geld in die Kasse. Bei anspruchsvollen Filmen knausert man an der Werbung, bei den Blockbustern spielen die Millionen dafür keine Rolle. Eine verkehrte Welt.

» Am Ende überlegen sich Ihre Protagonisten, ob sie nach Kalifornien gehen sollen. Liegt selbst für Sie im Sunshine-State plötzlich die Zukunft?

Weniger als in den letzten 20 Jahren. Damals verließ die TV-Industrie New York in Richtung Kalifornien und Schauspieler, Autoren und Regisseure folgten zähneknirschend, weil sie die Butter auf dem Brot brauchten. Die wenigen, die blieben, rückten zusammen. Aber junge Leute sind heute noch von Kalifornien fasziniert.

Süße Mädels zur Seite gestellt: Elisabeth Shue in Großansicht

Süße Mädels zur Seite gestellt: Elisabeth Shue in "Harry außer sich" (Foto: Arthaus)

» Könnten Sie sich vorstellen wegzuziehen?

Ich bin viel zu neurotisch, um umzuziehen. Mir gefällt der Lifestyle in Kalifornien nicht, die ausufernden Städte und dann dieses ständig gute Wetter. Ich hasse Sonnenschein. Schon die Vorstellung, ins Auto zu steigen, nur um eine Zeitung zu kaufen, finde ich furchtbar. Außerdem trifft man dort ständig Typen aus dem Showbusiness, ein Horror!

In New York begegne ich ganz unterschiedlichen Leuten - von der UNO, aus der Wall Street oder aus Verlagshäusern. Ich liebe richtige Städte mit dem typischen Lärm, in denen ich zu Fuß herumlaufen kann. Mich kriegt hier keiner weg. Vielleicht wäre Paris noch eine Alternative.

26 Jahre später und noch immer das Traum-Paar: Woody und Diane (Foto: bla) Großansicht

26 Jahre später und noch immer das Traum-Paar: Woody und Diane (Foto: bla)

» Und dann die Arbeit ruhiger angehen lassen?

Das nehme ich mir ja immer vor. Wenn ein Film fertig ist, hänge ich zwei, drei Tage zu Hause herum und dann werde ich wieder unruhig, beginne zu schreiben. Wenige Monate später stehe ich bei meinen Produzenten auf der Matte und es geht wieder von neuem los. Ich kann nicht aus meiner Haut heraus.

Margret Köhler, 26.08.2004, 14:56
 
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