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Die Handkante Gottes
» "Hero" ist im Gegensatz zu Ihren Actionfilmen aus Hollywood sehr poetisch. Sind Ihnen solche Rollen nicht sehr viel lieber?
JET LI: Die Welt ist aufgrund der Telekommunikation zusammengeschrumpft. Heutzutage erfährt man sehr schnell, was auf den anderen Kontinenten passiert, und nicht nur die Amerikaner versuchen Filme zu machen, die überall gut ankommen. Deshalb sehe ich keine großen Unterschiede mehr, ob ich in Hollywood oder China arbeite. Denn in beiden Ländern werden Filme für die ganze Welt gedreht.
» Sie fühlen sich in Hollywood nicht auf Actionrollen reduziert?
Das ist ein subjektiver Eindruck, den ich aber ganz gelassen sehe. Man sagt den Chinesen nach, dass sie gut Seide herstellen können und auch die chinesische Küche gut sei. Das stimmt natürlich, aber darüber hinaus können wir noch viel mehr. Ich will damit sagen, dass man auch in Hollywood so langsam erkennt, dass ich viel mehr geben kann, als man dort bisher glaubte.
» Dafür wird nicht zuletzt auch "Hero" sorgen. Wie in Hollywood üblich, wurden die meisten Kampfszenen am Computer nachgearbeitet. Enttäuscht Sie das?
Nein, denn es kommt einzig und allein auf die Geschichte an, und es gibt mehrere Methoden, sie zu erzählen. Eine davon ist der Einsatz modernster Computertechnik. Man kann Filme heute nicht mehr so herstellen wie vor 20 Jahren. Denn das Publikum hat gewisse Erwartungen und bestimmt, wie ein Film mit Martial-Art-Szenen heute auszusehen hat. Persönlich fühle ich mich nicht gekränkt, wenn meine Kampfszenen verfremdet sind.
» Müssen Sie sich dennoch in Form halten, um so eine Rolle bewältigen zu können?
Natürlich. Wobei nicht nur Körperkraft dazu gehört, sondern auch die psychische Vorbereitung. Es geht darum, beide Kräfte in Einklang zu bringen, was tägliches Training voraussetzt. Aber selbst mir gelingt das nicht immer. Wenn man zwischen Dreharbeiten und Interviews hin und her reisen muss, bleibt manchmal wenig Zeit.
» Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass immer öfter starke und kämpfende Frauen in Martial-Art Filmen mitspielen?
Ich habe es sehr genossen, in "Hero" an der Seite Man Yuk und Zhang Ziyi spielen zu dürfen. Die Zeiten haben sich geändert. Früher gab es nur heroische Themen, die ausschließlich männliche Darsteller verlangten. Heute werden historische und gegenwärtige Stoffe umgesetzt, die auch Heldinnen hervorgebracht haben. Ich kann das nur begrüßen.
» Sehen Sie zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Heldenbild Unterschiede?
Darüber habe ich oft mit Regisseur Zhang Yimou gesprochen, der mir sagte, dass derjenige ein Held ist, der für sein Volk eigene Belange zurückstellt. Darum geht es in "Hero". Amerikanische Helden handeln völlig anders. Zuerst kümmern sie sich um die eigene Familie und beschützen zuerst auch noch den Hund, bevor sie sich für ein höheres Ziel einsetzen.
» Wer ist in Ihren Augen ein wahrer Held?
Meine Idealvorstellung wäre, gäbe es gar keine Helden. Die Geschichte hat gezeigt, dass nach Helden nur dann verlangt wird, wenn Katastrophen oder Kriege über die Menschen hereinbrechen. Könnten wir friedlich auf dieser Welt leben, bräuchten wir keine Helden.
Markus Tschiedert, 02.06.2003, 11:16
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