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Die Regisseurin über "Rosenstraße"
» Was fühlen Sie, wenn Sie an das Filmfest in Venedig denken?
MARGARETHE VON TROTTA: Ich fühle mich einfach gut, Venedig bedeutet ein Gang nach Hause. Da habe ich tolle Erfahrungen gemacht, nicht nur durch den Goldenen Löwen für "Die bleierne Zeit". Ich habe lange in Italien gelebt, war einige Male Jurymitglied und bin auch privat oft zu meinem "Lieblingsfestival" gefahren. Es ist mir sehr vertraut.
» Wieso zog sich das Projekt über fast ein Jahrzehnt hin?
Das erste Drehbuch habe ich 1994/95 geschrieben und bis 1996 haben Volker Schlöndorff und Studio Babelsberg versucht, das Geld zusammenzukriegen, aber es war nichts zu machen, vielleicht wegen der Komödienzeit. Im Nachhinein muss ich sagen, es hat mir gut getan. Denn damals hätte ich den Film ganz chronologisch und nur auf die Zeit bezogen inszeniert.
» Wie kam es dann doch noch zu einer Realisierung?
Das habe ich Dramaturg Martin Wiebel zu verdanken, der den Stoff Richard Schöps von Studio Hamburg vorschlug. Schöps, erfolgreich mit "Gloomy Sunday", las das Skript und wir beschlossen, noch einmal Drehbuchförderung zu beantragen und ein neues Drehbuch zu schreiben.
» Haben Sie viel verändert?
Nachdem ich schon alle Hoffnungen begraben hatte, startete ich mit neuem Elan. Dazwischen lagen Fernseharbeiten, u.a. meine vierteilige Uwe Johnson-Adaption "Jahrestage". Johnson fängt auch immer an, von New York zu erzählen und geht dann nach Deutschland zurück. Diese Methode gefiel mir sehr gut. Dazu kommt, dass viele Juden nach Amerika emigriert sind und ihre Geschichte da weitergeht.
» Warum erzählen Sie ein fiktives Schicksal?
Fiktion auf der Basis von Fakten. Die Schicksale, die man mir erzählte, waren doch nicht so stringent, und ich wollte mich nicht nur auf eine Person konzentrieren. Zu Beginn der Recherchen habe ich mit mehr als zehn Zeitzeugen gesprochen, es gab ja nicht nur die Frauen, die draußen standen und ihre Männer zurückwollten, sondern auch Jugendliche, die ihre Mütter begleiteten, oder Jugendliche in dem Sammellager. Es sind viele Details.
» Wo ist der Bezug zum Heute?
Ganz aktuell: Das Mahnmal in der Berliner Levetzowstraße, wo sich einst die größte Synagoge befand, und vor dem Maria Schrader im Film steht, wurde erst vor kurzem wieder beschädigt. Der andere Bezug liegt im New Yorker Handlungsstrang. Es gibt immer noch Menschen, die nicht über das Entsetzliche reden können, die verdrängen, um nicht verrückt zu werden. Und Liebe, Zivilcourage und Mut sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden.
» Ob Gudrun Ensslin, Carla Aldrovandi, Rosa Luxemburg oder hier Lena Fischer - Ihre Frauenfiguren kämpfen, ohne zur Heldin geboren zu sein.
Das fand ich an "Rosenstraße" so wichtig. Der Protest war keine geplante politische Demonstration, sondern ein Widerstand, der sich aus dem Leben ergab. Männer ziehen in den Krieg, das wird befohlen. Frauen treffen individuell Entscheidungen und werden unfreiwillig zu Heldinnen, entwickeln aus der persönlichen Verzweiflung heraus eine große Kraft.
» Seit Ihrem Kinofilm "Das Versprechen" von 1994 arbeiteten Sie für das Fernsehen. Aus der Not heraus?
Ich bedaure es nicht, denn ich bekam die Möglichkeit zu interessanten Filmen, "Jahrestage" war eine Herausforderung. Natürlich habe ich damit auch überwintert. Es war zunächst eine Notentscheidung, weil ich nach drei Jahren Drehbuchschreiben finanziell am Ende war.
» Aber Sie haben den Traum vom Kino nicht aufgegeben?
Beim Fernsehen muss man mit weniger Drehtagen und weniger Mitteln versuchen, etwas Gutes zu schaffen. Wenn ein Sender sich für ein Projekt entscheidet, dann sind auch die Mittel da.
Das Schöne beim Fernsehen: Man kann gleich loslegen, während es beim Kinofilm immer noch zwei Jahre oder länger dauert. Am liebsten würde ich alternierend arbeiten. Aber natürlich bin ich froh über jeden Kinofilm. Während man bei einem TV-Film von Anfang an alles parathalten muss, weil sonst die Leute wegzappen, muss ich im Kino nicht alles sofort in kleinen verständlichen Häppchen servieren. Das ist für mich das Aufregendste, sich langsam einer Figur oder einem Thema anzunähern und dann einzutauchen.
» "Rosenstraße" ist eine deutsch-holländische Koproduktion. Gab es nicht genug Interesse oder Geld in Deutschland?
Ich glaube, wir haben das Maximum dessen bekommen, was an Förderung möglich ist. Das reichte aber nicht bei dem 6,5-Mio.-Euro-Budget. Ohne den holländischen Partner hätten wir das Projekt nicht stemmen können. Und nicht zu vergessen, dadurch kamen wir auch in den Genuss von Eurimages-Fördermitteln.
» Müssen wir wieder fast zehn Jahre auf Ihren nächsten Kinofilm warten?
Ich hoffe nicht, brauche aber etwas Abstand. Gerade habe ich den TV-Film "Die andere Frau" beendet und ein Spielfilmangebot aus Italien über die Zeit des italienischen Faschismus abgelehnt. Ich will nicht schon wieder in diese Epoche einsteigen.
Margret Köhler, München, 17.09.2003, 11:06
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