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Film ist wie Futtermittel
» In "Die Reifeprüfung" spielten Sie den unvergesslichen Benjamin, in "Moonlight Mile" heißen Sie Ben. Und der Film handelt auch vom Erwachsenwerden eines jungen Mannes. Zufall?
DUSTIN HOFFMAN: Die Erklärung ist einfach: Regisseur Brad Silberling greift auf eine eigene schreckliche Erfahrung zurück: ein Fan ermordete seine Freundin 1989, er litt lange unter dem Verlust. Ihr Vater heißt Ben wie der Film-Vater.
» Als Ben Floss verdrängen Sie den Tod der Tochter. Wie gehen Sie persönlich mit Tod und Trauer um?
Eine große Frage. Es gibt keine Zeit mehr für Trauer, sie wurde uns klammheimlich gestohlen. Den Medien gehört alles, auch der Tod. Die großen Fernsehsender konkurrieren miteinander und balgen sich um Sensationen wie den Tod von Lady Di oder den Absturz der Columbia-Raumfähre. Die Schamgrenzen fallen. Da halten Reporter verzweifelten Eltern die Mikros unter die Nase und fragen dämlich: "Hallo, ihr Kind ist letzte Woche gestorben. Wie fühlen Sie sich?" Wir erleben den Ausverkauf der Menschlichkeit.
» Als Schauspieler wird Ihnen ein Hang zum Perfektionismus nachgesagt. Sind Sie im Privatleben ebenso durchorganisiert?
Ich will mit wenigen Takes auskommen und mache mir vor den Dreharbeiten Gedanken, nicht erst wenn es "Action!" heißt. Mein Anspruch an mich selbst ist sehr hoch. Aber warum soll ausgerechnet bei einem Schauspieler Perfektionismus schlecht sein? Das ganze Team versucht, das Beste aus sich herauszuholen. Privat bin ich allerdings ein furchtbar unordentlicher Mensch. Vielleicht brauche ich das Chaos als Ausgleich. Niemand bringt mich dazu, freiwillig mein Zimmer aufzuräumen.
» Geht Ihnen das Filmgeschäft nach mehr als 35 Jahren nicht manchmal auf die Nerven?
Und wie. Früher wurden die Studios von Menschen aus Fleisch und Blut geführt, heute kassieren Firmen ab, denen es völlig egal ist, ob sie einen Film oder Futtermittel verkaufen. Hauptsache die Kasse stimmt.
» Sind Sie pessimistisch?
Wer nicht pessimistisch ist, ist nicht realistisch. Mich hält eine gesunde Skepsis am Leben. Wir müssen unser Hirn lebendig und die Augen offen halten, sonst werden wir untergebuttert. Nehmen Sie die heutige Weltsituation. Es gab nie eine gefährlichere Zeit, selbst in den 50er Jahren und den Tagen des Kalten Krieges nicht. Nicht nur wegen des Iraks, es brennt überall auf der Welt.
» Sie haben alles erreicht als Schauspieler, zwei "Oscars", jede Menge Oscar-Nominierungen. Gibt es überhaupt noch Überraschungen? Warum ärgern Sie sich mit Studios herum, statt das Leben zu genießen?
Aufhören - eine frustrierende Vorstellung! Ich habe noch nicht einmal angefangen! Wir sind doch ewige Studenten. Nur Menschen, die einen Job machen, gehen in Rente. Künstler lieben ihre Arbeit, betrachten sie als Berufung und sind glücklich dabei. Wir müssen uns eine kindliche Neugier bewahren. Christopher Lee mit seinen 80 Jahren nannte mich erst kürzlich einen jungen Mann. Ein Kompliment und die Aufforderung, nie zu rasten und zu rosten.
Margret Köhler, 09.04.2003, 11:59
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