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"'Herr der Ringe' ist meine beste Arbeit!"
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Die "Herr der Ringe"-Trilogie war dank Howard Shore nicht nur ein unerreichtes Seherlebnis, sondern auch ein echter Ohrenschmaus (Foto: Warner)
Als Sie in den 70er Jahren in der Jazz-Rock-Band Lighthouse Saxophon spielten, dachten Sie da schon daran, Komponist zu werden?
HOWARD SHORE: Ich spielte damals viele Instrumente und Stilrichtungen, wusste aber immer schon, dass ich eigentlich Komponist werden wollte.
Sie haben am Berklee College of Music in Boston studiert.
Ja, aber ich habe schon als Zehnjähriger angefangen, mich mit Harmonielehre auseinander zu setzen und da schon erste Stücke geschrieben. Als Musikinstrument lernte ich damals Klarinette. In der Folge komponierte ich alle möglichen Arten von Musik, für Blechbläser-Trios und für Rockbands, für Big Bands, fürs Radio und fürs Fernsehen.
Sie waren zwischen 1975 und 1980 Bandleader der NBC-Kultshow "Saturday Night Live".
Ja, das war damals mehr Live-Theater. Die Show dauerte 90 Minuten. Wir machten Musik, spielten Sketche, rissen Witze, rezitierten Gedichte. Es war viel Improvisation dabei. Das kannte ich von meiner Jugend, denn schon als Zwölfjähriger hatte ich mit Theatergruppen gearbeitet. Ich selbst habe auch Regie geführt und bin als Schauspieler aufgetreten.
Sie waren also schon sehr früh kollaborativ.
Das hat mir immer Spaß gemacht. So bin ich auch beim Film gelandet. Man arbeitet da nicht alleine im luftleeren Raum. Man muss sich absprechen, auseinandersetzen.
Besonders gerne setzen Sie sich mit David Cronenberg auseinander. Wie kommt das?
David ist ein bisschen älter als ich und er wohnte damals in Toronto in meiner Nachbarschaft. Ich war 14, er 17 Jahre alt und brauste mit dieser tollen Ducati in der Gegend herum. Ich hatte noch nie so ein Motorrad gesehen, und auch noch keinen solchen Typen wie ihn. Mit seiner Ledermontur und so. Also fragte ich rum, wer der Typ war.
Und so fanden Sie heraus, dass er Filmemacher war.
Ja. Damals drehte er 8- und 16mm-Filme. Die sah ich auf Underground-Festivals und an Wochenenden bei Filmabenden. Als ich dann 27 Jahre alt war, sprach ich ihn an - ein Freund vermittelte das - und fragte, ob ich für einen seiner Filme die Musik schreiben durfte.
War das dann ihre erste Filmmusik, 1979 zu "Die Brut"?
Nein, ich hatte zuvor die Musik zu Murray Markowitz' "Im Bannkreis des Todes" komponiert.
Mit Cronenberg haben Sie bei rund einem Dutzend Filmen gearbeitet.
Das kommt vielleicht daher, dass wir beide einen ähnlichen Hintergrund haben und in vielen Dingen übereinstimmen. Wir verstehen uns gut.
Wenn Sie einen Auftrag übernehmen, wo fangen Sie an?
Immer beim Buch, bei den Worten. Ich gehe so weit zurück wie möglich. Idealerweise ist das eine Buchvorlage. Dann lese ich mich erst einmal ein. Fange bei Seite eins an. Danach nehme ich mir das Drehbuch vor, versuche die Worte in Musik zu fassen. Ich gehe da sehr emotional vor, versuche die Worte in Gefühle umzuarbeiten und die Gefühle dann in Noten. Wenn die Noten dann stehen, überlege ich mir, wie sie gespielt werden sollen. Welche Instrumente, welche Stilrichtung, Klavierspieler, kleines Ensemble oder großes Orchester. Dabei arbeite ich immer möglichst eng mit dem Regisseur zusammen. Es ist ein ewiger Dialog bei dem die Bilder, der Schnitt, das Spiel der Schauspieler und das Filmtempo in Einklang gebracht werden müssen. Regisseur und Komponist müssen sich gegenseitig respektieren und einander vertrauen.
Sie haben über 50 Preise gewonnen, darunter drei Oscars, Grammys und Golden Globes. Jetzt haben Sie gerade den erstmals verliehenen Filmmusik-Preis des BR erhalten. Welchen Stellenwert messen Sie dem zu?
Preise sind immer eine schöne Anerkennung der eigenen Arbeit. Aber sie haben noch eine weitere wunderbare Eigenschaft: die soziale Komponente. Man trifft andere Leute, die sich mit Musik auseinander setzen. Matthias Keller vom BR kenne ich schon seit Jahren, er ist ein guter Freund, ein guter Autor. Bei diesen Verleihungen wird die Filmmusik gefeiert - das finde ich schön.
Vor allem sind Sie als Komponist der "Herr der Ringe"-Trilogie bekannt, haben aber zu rund 80 Filmen die Musik geschrieben. Stört sie diese "Reduktion"?
Nein. Ich bin sehr stolz auf diese Arbeit, an der ich drei Jahre und neun Monate gearbeitet habe. Ein Buch dieses Kalibers - den wohl komplexesten Fantasy-Roman überhaupt - vertonen zu dürfen, war eine große Ehre. Und dabei auch noch mit Peter Jackson zu kooperieren. Was will man mehr? Es ist sicherlich auch meine beste Arbeit. Es steckt alles drin, was ich weiß, ob nun über Drama, Musik, Kunst und Film. Diese Filmtrilogie ist eine Welt für sich. Vor zehn Jahren wäre ich noch nicht reif genug gewesen, die Musik zu "Der Herr der Ringe" zu schreiben.
In der Musik steckt viel Richard Wagner - "Rheingold" vor allem und auch Richard Strauss. Haben Sie eine besondere Verbindung zu deutschen Komponisten?
Nein, die Vorlage ist im Prinzip ein Stück des 19. Jahrhunderts. Darum habe ich mich auch für eine Musik aus der Mitte des 19. Jahrhunderts entschieden. Tolkiens Vorlage ist vielschichtig, also brauchte ich auch eine vielschichtige Musikpalette, mit der ich arbeiten konnte. Aber das war nur der Ausgangspunkt. Es gibt im Score auch jede Menge Modernismen, zum Beispiel Avantgarde der 1950er Jahre, fast alles ist drin außer elektronischer Musik. Das Herzstück bildet ein Choral, der so Mitte des 19. Jahrhunderts hätte geschrieben werden können. Ich wollte eine vergangene Welt kreieren, Mittelerde ist schließlich 5000, 6000 Jahre vor unserer Zeit. Zudem musste der epische Rahmen gefüllt werden, die Partitur umfasst über 80 Themen und Leitmotive.
Welchen Stellenwert besitzt man heute als Filmkomponist in Hollywood?
Die Frage kann so nicht beantwortet werden. Das kommt immer auf die Art und Größe des Projekts an. Es gibt viel zu viele Faktoren, die in einander spielen. Bei jedem Film sind die Machtstrukturen anders. Man muss einfach mit offenen Augen an das Projekt herangehen, sich darüber im Klaren sein, wo die Fußangeln liegen und in diesem Rahmen eine so gut wie mögliche Arbeit abliefern.
Dann waren Sie also bei Peter Jacksons "King Kong", wo sie von James Newton Howard abgelöst wurden, nicht umsichtig genug?
Das kann man wohl so sagen. Wir hatten künstlerische Differenzen bei "King Kong". Aber es sieht im Augenblick ganz so aus, als würden wir bei "The Hobbit" wieder zusammen kommen. Ich habe gut mit Guillermo Del Toro als Regisseur und Peter Jackson als Produzent begonnen. Jetzt verschieben die Dinge sich gerade. Wir werden sehen.
Die Filmindustrie muss im Augenblick sehr sparen. Spüren sie das als Komponist auch?
Wir alle spüren das, die ganze Industrie, ob Regisseur, Drehbuchautor oder Komponist. Aber das ist nicht nur bei der Filmindustrie so. Auch die Orchester sparen, die Opernhäuser. Wir sind alle Teil der Wirtschaft. Wir baden jetzt alle unsere Finanzskandale aus.
Soundtracks sind ein gutes Geschäft. Glauben Sie, dass Sie allein bestehen können oder untrennbar zum Film gehören?
Das kommt meiner Meinung nach ganz auf die Story des Films an. Ich weiß zum Beispiel, dass die "Herr der Ringe"-Musik als konzertante Aufführung hervorragend funktioniert. Die Symphonie wurde schon über 150 Mal aufgeführt. Und dann gibt's noch diese Aufführungen von "Herr der Ringe" zu Live-Musik - das ist ein ganz anderes Hörerlebnis!
Es gibt einige Orchester, die mit "Herr der Ringe" touren.
Das stimmt. Von mir autorisiert dürfen das aber nur drei Dirigenten tun, Ludwig Wicki aus Luzern, Markus Huber hier aus München und ich. Alles andere ist nicht von mir abgesegnet.
Es gibt da doch noch einige andere konzertante Aufführungen ihrer Musik.
Ich weiß, besonders hier in Deutschland. Aber wenn ich davon höre, lasse ich sie verbieten.
Apropos verbieten. Wer bestimmt, was auf einen Soundtrack kommt und was nicht?
Ich. Ich produziere die Soundtracks. Also kann ich sie auch gestalten, wie ich will. Ich arbeite da mit einem wunderbaren Tontechniker und Toningenieur namens Jonathan Schultz zusammen. Wir gestalten gemeinsam unsere CDs.
"Herr der Ringe" ist ihr erfolgreichster Soundtrack. Wie oft wurde er verkauft?
Über sieben Millionen mal.
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