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Hans W. Geißendörfer

"Ich brauchte Zeit"

Nach fast zehn Jahren meldet sich "Lindenstraße"-Erfinder Hans-Werner Geißendörfer mit "Schneeland" im Kino zurück. Das archaische Drama schaffte es sogar zum renommierten Sundance Festival.

Eisige Landschaft als zentraler Protagonist: Schneeland (Foto: Kinowelt) Großansicht

Eisige Landschaft als zentraler Protagonist: Schneeland (Foto: Kinowelt)

» Warum die lange Pause nach "Justiz"?

HANS WERNER GEISSENDÖRFER: "Justiz" war nicht so wahnsinnig erfolgreich, und man sucht sich eine Menge Alibis, warum man nicht gleich wieder zuschlägt. Ich brauchte Zeit, um das Selbstvertrauen wiederzufinden.

Dann ging es los mit der Stoffsuche, der ein- bis zweijährigen Arbeit bis zur Drehbuchreife, der Finanzierung - und schon sind zehn Jahre herum.

» Ist ein Kinofilm Urlaub von der "Lindenstraße"?

Urlaub war "Schneeland" sicher nicht. Natürlich ist ein solcher Kinofilm eine andere Welt und eine ganz andere Produktionsform, ein ganz anderes Format. In der "Lindenstraße" zählen Dialoge, werden die meisten Informationen über Sprache vermittelt. Im Kino, wie ich es verstehe, vermittelt sich die Geschichte durch das Bild, Gesten, Bewegung, Licht.

Nach der Lektüre des Romans wusste ich, da muss Cinemascope her, mit ganz großen und sorgfältig gebauten Bildern. Da darf nichts zufällig sein, wenn man drei Geschichten gleichzeitig erzählt und aufeinander zuführt, wenn vom Heute und Gestern am Ende nur noch eins bleibt - nämlich die Zukunft.

Geht keine Kompromisse ein: Regisseur Geißendörfer (Foto: Lindenstraße/Thomas Kost) Großansicht

Geht keine Kompromisse ein: Regisseur Geißendörfer (Foto: Lindenstraße/Thomas Kost)

» Was ging alles schief beim Dreh in Südlappland?

Die Arbeit mit den Schauspielern und dem Team klappte wunderbar. Die Probleme lagen am Wetter und an den daraus resultierenden Bedingungen: Da kommen die Autos den Berg nicht hoch, kippt der Kran um oder bleibt im Schlamm stecken. Verzweifelt ruft man den Wetterdienst an und wird als Produzent nervös, weil man nicht ständig noch einen Tag dranhängen kann.

» Hätte man die Innenaufnahmen denn nicht bequem im Studio drehen können?

Es muss wirklich kalt sein, sonst sieht man den Atem nicht. Es fällt dem besten Schauspieler schwer, schwitzend unter dicken Klamotten zu bibbern. Bei Frost wird auch der Mut größer, sich der Komik des Frierens auszusetzen.

Hauptdarstellerin Julia Jentsch (Foto: Kinowelt) Großansicht

Hauptdarstellerin Julia Jentsch (Foto: Kinowelt)

» Sie haben lange nach einer extremen Gegend gesucht.

Die Landschaft ist eine ergänzende Figur, die Einfluss nimmt auf die Menschen dort, das Verhalten der Charaktere noch intensiver erklärt und unterstreicht. Was immer man dem Film antun will, die Bilder kann man ihm nicht wegnehmen.

» Muss man Vergewaltigung oder Säuberung von Fäkalien so realistisch zeigen?

Ich habe spätestens beim Drehbuchschreiben gewusst, dass wir diesmal nicht weggucken, wenn es wehtut, und dass wir auch Zumutungen machen. Ich verstehe die Abwehr des Zuschauers, aber ich wollte ihm nicht schonen und elegant die Tür schließen bei der Vergewaltigung oder die Kotsäuberung nur andeuten, sondern zeigen, was Sache ist.

"Schneeland" ist sehr hart, sehr realistisch, fast testamentarisch und archaisch. Nacktheit und Grausamkeit gehören zur Geschichte...

Ungeschönte Bilder rauher Lebensumstände (Foto: Kinowelt) Großansicht

Ungeschönte Bilder rauher Lebensumstände (Foto: Kinowelt)

» ...könnten das Publikum, vor allem das internationale, aber verstören.

Die Herausforderung hieß: Will ich riskieren, nicht wegzuschauen, oder will ich auf Nummer Sicher gehen und ein wunderschönes Bauerndrama erzählen, wo man weiß, da passiert das ein oder andere Unrecht.

Ich gehe in die Radikalität und erwarte die Bereitschaft, sich auf die archaisch dichten Emotionen einzulassen. "Schneeland" ist nicht nur für ein deutsches Publikum gedacht.

Margret Köhler, 25.01.2005, 10:33
 
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