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"Ich liebe nackte Frauenkörper"
» Was verbindet Sie mit Ruth Rendell?
CLAUDE CHABROL:
Eine Art Seelenverwandtschaft, vielleicht weil Ruth und ich im gleichen Jahr geboren sind. Mir gefällt, wie auf den ersten Blick scheinbar normale Verhaltensweisen sich nach und nach als höchst geheimnisvoll entpuppen.
Ihre Figuren sind vielschichtig und nicht so typisch englisch. Man kann sie mit kleinen Änderungen nach Frankreich transferieren. Doch die Rätselhaftigkeit der Charaktere darf auch nicht zu kompliziert sein, denn bei zu großer Unlogik steigt das Publikum aus.
» Die Heldin wickelt den netten kleinen Angestellten um den Finger. Sind schöne Frauen eine Gefahr für Männer?
Männer sind einfache Geschöpfe und fallen schnell auf eine attraktive Frau herein. Über Filme mit Männern im Mittelpunkt muss ich immer lachen. In "Die Brautjungfer" führt der Typ mit seiner Mutter und zwei Schwestern ein langweiliges Leben. Erst die Begegnung mit der geheimnisvollen Brautjungfer öffnet ihm die Tür zu einer Welt voller Sex und Leidenschaft.
Eine willkommene Ausflucht, denn meine Geschlechtsgenossen sind im Allgemeinen nicht besonders abenteuerlich. Frauen dagegen setzen sich durch, wenn sie etwas wollen. Sie sollten die Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft übernehmen, die Männer sich dagegen um Kinder und Haushalt kümmern. Dann würde unsere Welt anders aussehen. Leider haben Frauen Angst, streng zu sein und scheuen sich vor zu viel Macht.
» Sie zeigen relativ freizügige Sexszenen.
Ich liebe nackte Frauenkörper und hatte nie Angst vor freizügigen Szenen, sofern sie in den Kontext passten. Was ich nicht mag, ist diese voyeuristische Perspektive, die zeugt nur von Verklemmtheit.
» Gibt es bei Ihren weit über 70 Filmen so etwas wie einen roten Faden?
Oft habe ich den Eindruck, ich mache einen ganz neuen Film, bis ich dann irgendwann merke, dass ich doch wieder auf der gleichen Schiene fahre. Das ist wie auf einem Schlachtfeld. Man glaubt, alles in Stücke zu hauen, und lässt doch letztendlich einiges übrig.
Auf Kommando etwas ganz anderes zu schaffen, geht sowieso nicht. Ehrlich gesagt, unterwerfen sich Regisseure auch Trends, und nicht jeder Film ist für die Ewigkeit. Über einige meiner Werke breite ich lieber den Mantel des Schweigens.
» Aber Ihr Markenzeichen ist der Blick hinter die bürgerliche Fassade.
Mich interessieren Menschen, die aus ihrer Alltagsnorm ausbrechen und eine Tat begehen, die man ihnen nicht zutraut. Ich will den Zuschauer mit möglichst komplexen Zusammenhängen unterhalten.
Eine schöne Leiche kommt immer gut an. Die üblichen Krimis mit einem Toten, einem Polizisten, der Leute befragt und den Bösen der Gerechtigkeit überführt, finde ich zum Gähnen. Deshalb taucht bei mir kaum ein Polizist auf. Die sollen im Fernsehen ihre Arbeit erledigen. Die einzig spannende Polizistenfigur ist George Simenons Kommissar Maigret. Von einer Kopie sollte man tunlichst die Finger lassen.
» Denken Sie mit 74 Jahren nicht mal an den Ruhestand?
Warum? Ich liebe das Altern. Da muss ich mich nicht mehr ducken oder anpassen. Wenn jemand mosert, sage ich einfach "Au revoir, Monsieur".
Das Leben samt neu gewonnener Freiheit genieße ich in vollen Zügen. Das heißt nicht, dass ich früher den Mund gehalten habe. Mein Kopf funktioniert, allerdings werde ich körperlich ruhiger und will nicht unbedingt vier Monate in verschneiten Bergen drehen. Nichtstun und Herumhängen schaffen nur Müdigkeit. Da muss man ab einem bestimmten Alter aufpassen.
» Pflegen Sie Kontakt mit jungen Kollegen?
Unter französischen Regisseuren herrscht nicht gerade eine Superkommunikation, aber ich tausche mich gern mit Nachwuchsregisseuren aus. Von gehypten Personen halte ich mich allerdings fern. Die derzeitige Entwicklung in Frankreich beunruhigt mich.
Da setzt man auf diese falschen großen Filme, in die eine Unmenge Geld fließt wie in "Atomic Circus" von den Gebrüdern-Poiraud oder in Frédéric Auburtins "San Antonio". Ich sage nicht, sie haben kein Talent, aber die Einspielergebnisse entsprechen nicht dem eingesetzten Kapital, das Newcomern dann fehlt.
» In welche seelischen Abgründe entführen Sie uns in Ihrem nächsten Film?
Ich arbeite gerade an zwei Projekten, aber die befinden sich noch in der Drehbuchphase. Hetzen lasse ich mich jedenfalls nicht mehr.
Margret Köhler, 05.01.2005, 15:03
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