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Claude Chabrol im Interview

Jährlich eine Leiche

Mit "Die Blume des Bösen" (Kinostart am 24. Juli), einer Mischung aus Krimi, Familien- und Liebesgeschichte, begibt sich Altmeister Claude Chabrol in das bürgerliche Milieu der Provinz. Dort, wo die Welt noch heil zu sein scheint, liegt die Schuld der Vergangenheit wie ein Schatten auf der Gegenwart.

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Hat immer alles im Blick: Claude Chabrol

» Die süffisante Kritik am Bürgertum lässt sie nicht los. Wird das nicht langweilig?

CLAUDE CHABROL: Die Thematik hat sich zwar geändert, aber die Probleme sind trotz meiner Bemühungen gleich geblieben. Eben weil das Bürgertum sich in erstarrten Strukturen befindet. Ich greife immer wieder einen neuen Aspekt auf, daran herrscht kein Mangel.

» Ihr Stil ist bewährt, aber können wir mal mit einem "neuen Chabrol" rechnen?

Natürlich habe ich meinen Stil nicht um 360 Grad verändert, aber er hat sich im Laufe der Jahre verfeinert, ich drehe jetzt anders - mit mehr Subtilität vielleicht. Auch ich entwickle mich weiter. Wenn ich meine alten Filme betrachte, entdecke ich mehr Fehler als in den neuen. Mir fällt im Nachhinein auch ein Mangel an Eleganz auf. Es macht mir einfach Spaß, die Dinge vielschichtiger zu behandeln, den Zuschauer eine Nuss knacken zu lassen. Finden Sie nicht, dass meine Filme geheimnisvoller geworden sind?

Ein gern gesehener Gast auf Filmfesten Großansicht

Ein gern gesehener Gast auf Filmfesten

» Sie schildern den Wahlkampf in der Provinz. Beziehen Sie sich auf ein reales Vorbild?

Ich habe mich von verschiedenen Figuren für Die Blume des Bösen inspirieren lassen. Die Kommunalpolitik ist repräsentativ für die große Politik. Die Handlung spielt in der Nähe von Bordeaux. Und da gab es ja in der letzter Zeit jemanden, der sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Aber gelogen wird überall. Man guckt in einen Wassertropfen und sieht ein Universum.

» Wie wäre es mit einem Film ohne Mord?

Den gab es schon und wird es auch weiter geben. Aber ich muss zugeben, ich liebe Leichen. Es interessiert den Zuschauer einfach mehr, wenn er jemanden durch Gewalt sterben sieht als im Bett friedlich in den Tod hinüberdämmernd. Fragen Sie mich nicht nach der Natur des Menschen.

Sein neues Werk Großansicht

Sein neues Werk "Die Blume des Bösen" mit Sohn Thomas Chabrol (r.)

» Trotz Ihres hohen Alters drehen Sie fast jedes Jahr einen Film. Wollen Sie nicht mal kürzer treten?

Mal sehen. Letztens scheiterte die Realisierung eines Films, weil die Geschichte zu kompliziert war, darüber hinaus gab es auch rechtliche Schwierigkeiten. Wenn ich die Probleme lösen kann, drehe ich jedes Jahr einen Film und schreibe auch ein Drehbuch.

» Sie hatten einen festen Vertrag mit MK2, der Ihnen eine monatliche Zahlung, Kontinuität und Freiheit garantierte.

Die Zeiten ändern sich. Marin Karmitz und ich sind ein gutes Team, aber er ist auch Geschäftsmann und deshalb vorsichtig, schließlich habe ich schon einige Jahre auf dem Buckel. Wir leben in einer Gesellschaft der Jungen und des Jugendwahns. Mein neuer Vertrag läuft über zwei Jahre mit der Verpflichtung, in der Zeitspanne einen Film zu drehen, nach oben gibt es kein Limit.

Bei den Dreharbeiten zu Großansicht

Bei den Dreharbeiten zu "Das Leben ist ein Spiel"

» Wie beurteilen Sie die französische Filmlandschaft nach dem Niedergang von Canal Plus?

Wir müssen uns arrangieren und vielleicht neu orientieren. Der Niedergang von Canal Plus ist ein Desaster, weil es an Geld mangelt, v.a. der Nachwuchs hat zu kämpfen. Aber man darf das nicht nur pessimistisch betrachten. Viele hatten es sich unter den Canal-Plus-Fittichen bequem gemacht. Jetzt muss wieder neu angepackt werden, das gibt Antrieb für die ganze Branche.

Margret Köhler

23.07.2003, 15:23
 
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