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David Cronenberg

"Mein Publikum ist intelligent"

Mit zwei Jahren Verspätung kommt "Spider" von David Cronenberg in die deutschen Kinos. Trotz der komplizierten Finanzierung setzt der Regisseur auch weiterhin auf Independent-Filme.

David Cronenberg verbindet Schreckensszenen mit Gesellschaftskritik (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

David Cronenberg verbindet Schreckensszenen mit Gesellschaftskritik (Foto: Kurt Krieger)

» "Spider" verzichtet auf extreme Bilder, die wir aus "Die Fliege" oder "Naked Lunch" kennen. Ist der Film für Sie untypisch?

DAVID CRONENBERG:

Manche Leute glauben, dass ich vorzugsweise Geschichten mit Blut und Gewalt wie "Die Fliege" oder "Naked Lunch" erzähle. Aber ich denke nie in der Kategorie "Was ist mein Markenzeichen?".

Ich erforsche immer die Themen, die mich interessieren, menschliche Entfremdung oder die Entwicklung des Körpers. Dabei lege ich mir keine Zensur auf. Auf diese Weise können Geschichten oder Bilder herauskommen, die manche vielleicht als extrem empfinden. "Spider" hat jedenfalls genauso viel mit meiner Person zu tun wie meine anderen Filme.

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Regisseur Cronenberg und Ralph Fiennes am Set von "Spider" (Foto: Columbia TriStar)

» Doch Sie haben dieses Projekt nicht selbst entwickelt.

Ich bekam ein Drehbuch geschickt, das Patrick McGrath, Autor der Romanvorlage, geschrieben hatte. Atom Egoyan hatte das Projekt bereits abgelehnt, weil er kein Potenzial erkennen konnte. Wahrscheinlich hätte ich es nicht gelesen, wenn nicht Ralph Fiennes als Hauptdarsteller festgestanden hätte. Ich wollte schon seit längerer Zeit mit ihm arbeiten. Beim Lesen erkannte ich dann, dass das Skript noch Probleme hatte.

» Was mussten Sie ändern?

Das Drehbuch war teilweise noch sehr romanhaft. Die Hauptfigur erzählte im Voice-over von ihren Seelenzuständen. Doch die Erzählstimme drückte sich viel artikulierter und selbstbewusster aus als der Protagonist des Films, der eine gestörte Psyche hat. Ich ließ also diese Passagen weg und fand andere Lösungen.

Ralph Fiennes in einer One-Man-Show als geisteskranker Großansicht

Ralph Fiennes in einer One-Man-Show als geisteskranker "Spider" (Foto: Columbia TriStar)

» Ihre Drehbücher liegen in der Regel bei unter 100 Seiten. Wie war es bei "Spider"?

Vor dem Dreh hatte es über 80 Seiten und ich habe noch gekürzt. Denn während des Drehens entwickelten sich einige Szenen so, dass es später zu Wiederholungen gekommen wäre. Das war mir auch in anderer Hinsicht recht, denn wir hatten nur ein sehr begrenztes Budget von zehn Mio. Dollar. Da dreht man nur das, was auch im endgültigen Film landen soll.

» Wünschen Sie sich da nicht das Budget eines Studiofilms?

Bei Studiofilmen ist die Finanzierung das reinste Vergnügen, aber die Arbeit ist die Hölle. Bei "Spider" war es genau umgekehrt: Die künstlerische Freiheit war traumhaft. In den ersten drei Drehwochen war allerdings nicht einmal klar, ob überhaupt jemand am Set erscheinen würde - denn wir hatten bis dahin noch niemanden bezahlt. Zum Glück war unsere Crew äußerst loyal. Doch so eine Situation ist mir lieber, als wenn mir zwölf Manager über die Schulter schauen.

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"Spider" mit der resoluten Leiterin seines Männerwohnheims (Foto: Columbia TriStar)

» Kann man unter solchen Umständen als Regisseur arbeiten?

Es ist sehr schwierig. Aber als Regisseur lernst du eine unglaubliche Konzentration - so als würdest du Kung-Fu machen. Man setzt sich zwar im Vorfeld mit den organisatorischen Problemen auseinander, aber sobald man ans Set zum Drehen kommt, denkt man nur noch an die nächste Einstellung. Ein echter Filmemacher sagt so lange "Action" und "Cut", bis man ihm die Kamera wegnimmt.

» Würden Sie wieder einen Publikumsfilm wie "Die Fliege" machen wollen?

"Die Fliege" hatte den Vorteil, dass es ein Genrestoff war. Da hat man automatisch ein Zielpublikum. Aber dieses Publikum bringt Erwartungen mit, die man erfüllen muss. Das schränkt die kreativen Möglichkeiten ein - ganz anders als bei "Spider". Ich möchte ein Publikum erreichen, aber nicht mit den billigen Emotionen eines typischen Hollywood-Films. Ich will es herausfordern, denn ich halte mein Publikum für intelligent.

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In "Die Fliege" wird Jeff Goldblum nach einem Experiment zum aggressiven Monster (Foto: Fox)

» Vor einiger Zeit hätten Sie die Chance auf Hollywood-Projekte gehabt. Sie sollten die Regie von "Basic Instinct 2" und "Exorcist: The Beginning" übernehmen.

"Basic Instinct 2" ist geplatzt, weil es keine Einigung über die männliche Hauptrolle gab. Den "Exorcist"-Film sollte ich nicht machen. Die Produktionsfirma war zunächst an mir interessiert, aber dann wollten sie mich nicht mehr, nachdem sie "Spider" gesehen hatten.

» Obwohl Ihr Film hervorragende Kritiken bekam.

Ich kann mich noch sehr lebhaft an das Telefonat mit meinem Agenten erinnern: "Die fürchten sich vor dir. Deshalb nehmen sie Paul Schrader." Ich musste sofort loslachen. Verglichen mit ihm bin ich richtig harmlos.

Rüdiger Sturm, 08.06.2004, 10:17
 
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