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"Ohne Ton guckt man genauer hin"
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"The Artist" bietet ein Kinoerlebnis der ganz besonderen Art: Schwarzweiß, Stummfilm, aber in 3D! (Foto: Delphi)
Können Sie vor lauter Nervosität überhaupt noch schlafen?
MICHEL HAZANAVICIUS: Ich bin nicht nervös, sondern total zufrieden, ein Traum wurde wahr. Es gibt genug Leute, die tolle Filme machen, aber nie so eine Chance erhalten. Ich hatte einfach Glück. "The Artist" konnte Festivalmeriten vorweisen, kam gut in den USA an, und Harvey Weinstein kaufte ihn. Wenn man nicht in Englisch dreht, hat man schlechte Karten für einen Oscar, es sei denn, in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Es geht nicht darum, dass man ihn verdient, sondern darum, die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen. Wie meinen Produzenten Thomas Langmann, ein Verrückter mit dem notwendigen Mut für so eine Geschichte. Er vertraute mir blindlings und hielt mich auch nicht wie andere für übergeschnappt.
Die Oscarkampagne soll um die zehn bis 15 Mio. Dollar kosten, ist das nicht absurd in Relation zum Budget?
Das sprengt schon den Rahmen. Das Budget beläuft sich auf knappe 10,5 Mio. Euro, aber nur, weil wir alle, auch Produzent und Schauspieler, auf eine adäquate Bezahlung verzichtet haben.
Was trieb Sie in der Hochzeit von 3D zum schwarz-weißen Stummfilm?
3D und die ganzen Tricks kosten viel Geld, man kann einen guten Film auch anders machen. Mich hat das Format interessiert, die Stilisierung der Wirklichkeit. Mein Ziel war ein publikumswirksamer Stummfilm in Schwarz-Weiß. Davon träumte ich schon seit zehn Jahren, jedoch erst die Erfolge mit den beiden OSS-Agentenfilmparodien erlaubten mir die Realisierung.
Ist "The Artist" die Liebeserklärung eines französischen Regisseurs an das Goldene Zeitalter von Hollywood?
Ich sehe keinen speziell französischen Blick. "The Artist" ist die Liebeserklärung eines Regisseurs egal welcher Nationalität an das leider in Vergessenheit geratene Format, an die Filmkunst unserer Vorfahren.
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Stummfilm?
Mit meinem Großvater habe ich oft Kurzfilme geguckt, ich war ein Fan von Buster Keaton. Später faszinierten mich Charly Chaplin und "The Kid", als Erwachsener liebte ich die Filme von Erich von Stroheim, und total gepackt hat mich Friedrich Wilhelm Murnaus "Sunrise".
Was war die größte Herausforderung?
Das Drehbuchschreiben. Es erfordert eine ungewohnte Technik und ungewohntes Handwerkszeug. Man kann nur mit Bildern arbeiten, nicht mit Worten und Dialogen, die sonst ein wichtiges Instrument zum Verständnis eines Films sind. Ich musste vergessen, wie man sich im Alltag ausdrückt, und eine andere, rein kinematografische Art der Ausdrucksweise suchen. Die Ironie und der Spott meiner bisherigen Komödien fielen hier weg. Die Geschichte musste klar sein, mit einfach dargestellten Figuren und ohne zu vielen Zwischentiteln. Das schränkt zwar ein, gibt aber gleichzeitig auch eine große Freiheit.
Mussten die Schauspieler mit auffälliger Mimik arbeiten?
Die Leute denken beim Stummfilm immer an den Slapstick von Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Es gibt auch noch andere wie Murnau oder Josef von Sternberg, Ford oder Hitchcock, die mit Schauspielern mehr klassisch arbeiteten. Ohne Ton gucken die Zuschauer intensiver hin. Sie achten mehr auf die Schauspieler, sind viel aufmerksamer. Die Wahrnehmung ändert sich, da fällt schon die kleinste Bewegung im Gesicht auf. Von den Schauspielern habe ich daher keine Übertreibung verlangt.
Welche Rolle spielt die Musik?
Bestimmte Melodien habe ich schon beim Schreiben gehört und am Set immer Musik gespielt, um eine passende Atmosphäre zu schaffen. Ich arbeite seit zwölf Jahren mit dem gleichen Komponisten, Ludovic Bource, aber diesmal stand unsere Freundschaft vor einer Zerreißprobe, weil er sehr genau meiner vorgegebenen Struktur und dem Spiel der Schauspieler folgen musste. Die Musik war der emotionale Leitfaden und die rechte Hand der Bilder, gemeinsam erzählen sie die Geschichte. Normalerweise darf nicht zu viel Musik in einem Film sein. Hier darf man sie nicht wegnehmen, weil dann nur noch Stille herrscht. Die Musik muss manchmal der Stille entsprechen.
"OSS 117" spielte in den 1950er- und 1960er-Jahren, "The Artist" in den 1920er-Jahren. In welcher Zeit planen Sie Ihr nächstes Projekt?
Ich habe Lust auf einen Zeitsprung. Zwar gibt es noch kein konkretes Projekt, ich glaube aber, dass ich einen modernen und aktuellen Film drehen werde.
Würde Sie ein Ausflug nach Amerika reizen?
Warum nicht? Ich habe kein Problem, international zu arbeiten, das bereichert. Den einen "OSS"-Film habe ich zur Hälfte in Marokko, den anderen zur Hälfte in Brasilien gedreht, diesen in Los Angeles. Es langweilt mich, im Studio in Frankreich Locations nachzustellen. Es kommt auf das Projekt an, auf das Drehbuch und die Arbeitsbedingungen. Ich muss mich wohlfühlen. Alles ist möglich.
Michel Hazanavicius: Der französische Filmemacher, Jahrgang 1967, feierte mit den zwei Agentenfilmparodien um "OSS 117" (2006 und 2009) Hits im Heimatland. Hierzulande wurden sie auf DVD ausgewertet. Mit "The Artist", der beim Festival de Cannes prämiert wurde und in Frankreich ein Nummer-eins-Hit war, erreichte er auch international Ansehen. Die Komödie spielte bis dato 7,1 Mio. Dollar in den USA ein. Mit der Hauptdarstellerin von "The Artist", Bérénice Bejo, hat er zwei Kinder.
Margret Köhler, 18.01.2012, 09:24
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