Günter Lamprecht


  • Geburtstag
    21.01.1930
  • Geburtsort
    Berlin
 

Günter Lamprecht

  • Geburtstag
    21.01.1930
  • Geburtsort
    Berlin
  • Geburtsland
    Deutschland

Schuldig oder nicht schuldig

Drei jüdische Holocaust-Überlebende treffen Heiligabend 1985 in einer Kirche auf ihren einstigen KZ-Folterknecht. Mario Adorf und Günter Lamprecht über Schuld, Vergebung und persönliche Erinnerung.

Mario Adorf und Günter Lamprecht in <br />"Epsteins Nacht" Großansicht

Mario Adorf und Günter Lamprecht in <br />"Epsteins Nacht"

» Waren Sie gleich Feuer und Flamme für das Filmprojekt?

GÜNTER LAMPRECHT: Um ehrlich zu sein, war ich mir nach dem ersten Lesen des Drehbuchs zu "Epsteins Nacht" gar nicht so sicher, ob ich den SS-Mann spielen möchte, weil er am Ende erschossen wird. Sie müssen wissen, ich leide seit dem Amoklauf in Bad Reichenhall vor drei Jahren, als ein 16-Jähriger auf mich schoss, noch immer an fürchterlichen Alpträumen. Doch auf den Rat meines Traumatologen hin habe ich die Rolle angenommen. Die Dreharbeiten waren allerdings eine Tortur für mich, weil wir die Geschichte chronologisch gedreht haben. Und je näher wir an die bewusste Szene kamen, umso schlafloser wurden meine Nächte.

MARIO ADORF: Auch ich habe zuerst gezögert, weil mir das Drehbuch nicht völlig ausgereift schien. Aber die Themen interessierten mich: Freundschaft, Alter, Schuld. Später habe ich allerdings selber einen Juden kennen gelernt, der mir glaubwürdig erzählte, dass er tatsächlich in einem Priester seinen KZ-Folterknecht wiedererkannte. Er hat diesen Mann von einer englischen Streife festnehmen lassen. So habe ich mich sehr langsam an diese Geschichte herangetastet und immer wieder auch kleine Änderungen vorgeschlagen.

Die Ex-KZ-Häftlinge Jochen Epstein (Mario Adorf), Jürgen Rose (Bruno Ganz) und Karl Rose (Otto Tausig)

Die Ex-KZ-Häftlinge Jochen Epstein (Mario Adorf), Jürgen Rose (Bruno Ganz) und Karl Rose (Otto Tausig)

» Überhaupt haben Sie während der Dreharbeiten viel diskutiert und um die Figuren gestritten.

LAMPRECHT: Ganz besonders um die Darstellung meiner Figur. Mir war es wichtig, dass der SS-Mann nicht vornherein als Monster erkennbar ist. Das Regie- und Produktionsteam wollte ihn von Anfang an böser haben - als ob man jemandem an der Nasenspitze ansieht, dass er ein Mörder ist. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Interpretation letztendlich völlig richtig lag, und dass dieser Giesser tatsächlich glaubt, er hat genug gesühnt, indem er 30 Jahre gute Arbeit geleistet hat. Er hält sich allen Ernstes für einen anständigen Menschen.

ADORF: Mir schien die Rolle des Geistlichen anfangs unausgegoren, weil man über den richtigen Pfarrer Groll gar nichts wissen konnte. Daran haben wir dann aber gefeilt. Es sind zwar nicht alle meiner Wünsche eingeflossen, aber in dem Augenblick, wo ich mich auf die Diskussionen eingelassen hatte, war ich im Boot.

SS-Mann und KZ-Dämon Giesser (Lamprecht) hat die Identität des ermordeten KZ-Pfarrers Groll angenommen

SS-Mann und KZ-Dämon Giesser (Lamprecht) hat die Identität des ermordeten KZ-Pfarrers Groll angenommen

» Sie sind beide 1930 geboren. Inwiefern kamen in diesem Film Kindheitserinnerungen zum Tragen?

LAMPRECHT: Es ist ein Riesenvorteil, wenn man diese Zeiten selber erlebt hat. Mein Vater und mein Onkel waren Nazis, ich war nah dran an dieser Zeit. Alles, was ich gespeichert habe, kann ich einbringen. Das hilft mir, zumal ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein. Dazu gehört - und das kann ich jetzt mit 73 Jahren guten Gewissens von mir behaupten - eine große Lebenserfahrung.

ADORF: Meine Erinnerungen sind episodischer, oberflächlicher und auch nicht so dramatisch wie die von Herrn Lamprecht. Aber die Erinnerungen und Ereignisse sind sehr ähnlich. Herr Lamprecht war damals in Berlin, ich in der Provinz. Der einzige Unterschied ist, dass die Bombenangriffe dort nicht so schlimm waren wie in der Hauptstadt.

Die Erinnerungen ans KZ leben wieder auf

Die Erinnerungen ans KZ leben wieder auf

» In "Epsteins Nacht" geht es auch um Vergebung. Wie steht es mit Ihnen, Herr Lamprecht, konnten Sie dem Amokläufer in Bad Reichenhall vergeben?

LAMPRECHT: Dem Jungen ja, aber nicht den Eltern. Den Vater hätte ich gerne vor Gericht gestellt. Schließlich hat er dem Jungen das Schießen gelehrt und trägt damit eine Riesenverantwortung.

» Hat "Epsteins Nacht" auch ein politisches Anliegen, Stichwort Antisemitismusdebatte?

LAMPRECHT: Also grundsätzlich finde ich, dass man nicht aufhören sollte, daran zu erinnern, was damals passiert ist. Und ich finde das ganz schlimm, dass wir uns jetzt beinahe schon wieder einem Krieg nähern. Da kriege ich wahnsinnige Ängste, das hat mit meinen eigenen Kriegserlebnissen zu tun. Möllemanns Aktionen erachte ich als sehr gefährlich. Beim Walser bin ich mir nicht ganz sicher.

ADORF: Die ganze politische Diskussion finde ich hanebüchen. Das durfte nicht passieren, dass sich ein Politiker so populistisch und irreführend äußert.

 

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