"Shakespeare ist Fantasy"
Mit dem Abschlussfilm der Filmfestspiele von Venedig präsentiert Julie Taymor ("Frida", "Across the Universe") eine ungewöhnliche Version von Shakespeares "The Tempest". Aus Sicht der Regisseurin bietet der Film eine publikumstauglichere Interpretation als viele Theateraufführungen.
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Verkürzt, verständlich gemacht und wie ein Fantasy-Spektakel inszeniert: Julie Taymors ungewöhnliche Shakespeare-Verfilmung "The Tempest" beschließt die Filmfestspiele in Venedig (Foto: Chartoff Productions)
Verkürzt, verständlich gemacht und wie ein Fantasy-Spektakel inszeniert: Julie Taymors ungewöhnliche Shakespeare-Verfilmung "The Tempest" beschließt die Filmfestspiele in Venedig (Foto: Chartoff Productions)
Nach "Titus Andronicus" nahmen Sie sich jetzt "The Tempest" vor. Warum nicht ein populäreres Drama wie "Hamlet"?
JULIE TAYMOR: Aus meiner Sicht ist "The Tempest" eines der beliebtesten Shakespeare-Stücke weltweit. Im Gegensatz zu "Hamlet" oder "Macbeth" geht es hier nicht nur um zwischenmenschliche Beziehungen. Dieses Drama eignet sich noch besser fürs Kino als fürs Theater, weil es sehr viele magisch-fantastische Elemente besitzt. Das Publikum hat ja momentan einen großen Appetit auf Fantasy-Stoffe.
Am augenfälligsten ist ein ganz realer Besetzungscoup: Helen Mirren als weiblicher Prospero.
Als ich die Rolle besetzen wollte, fiel mir kein männlicher Schauspieler ein, bei dem ich vor Begeisterung Purzelbäume geschlagen hätte. Dagegen gibt es in dieser Altersgruppe eine ganze Zahl brillanter Frauen. Und gerade als ich diese Überlegungen anstellte, traf ich zufälligerweise Helen Mirren. Sie verriet mir - ohne dass ich sie darauf angesprochen hätte - dass sie gern mal den Prospero spielen würde. Ich fragte sie sofort, ob sie es machen würde. Wir lasen dann eine Version des Textes gemeinsam durch, in dem wir das Geschlecht geändert hatten. Und es fühlte sich ganz organisch an. So beschlossen wir, das durchzuziehen.
Aber sonst erlauben Sie sich keine größeren Freiheiten gegenüber der Vorlage?
Nein, aber unser Film ist natürlich viel kürzer. Eine Eins-zu-eins-Fassung des Originaltexts würde vier Stunden dauern, aber schon in meinen drei Bühneninszenierungen habe ich das auf eineinhalb Stunden verkürzt. Der Film mit seinen umfangreichen visuellen Elementen ist eine Stunde und 45 Minuten lang.
Mancher Shakespeare-Jünger dürften über diese Kürzungen nicht glücklich sein.
Ja, die empfinden das vielleicht als Sakrileg. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Zu Shakespeares Zeiten gab es keine Regisseure im modernen Sinn. Die Schauspieler suchten sich Passagen aus dem Text heraus, die sie darstellen wollten. Der heutige "Hamlet" ist wahrscheinlich eine Kompilation verschiedener Versionen. Wenn du also die Schichten von unverständlicher Poesie wegnimmst, wird das Stück klarer. Als ich Chris Cooper das Drehbuch von "The Tempest" schickte, meinte er: "Das ist doch nicht Shakespeare". Ich sagte: "Doch, das ist er." - Seine Antwort: "Warum verstehe ich ihn dann?"
Ihre Filme sind für ihre überbordende visuelle Fantasie bekannt. Was war Ihr Ansatz für "The Tempest"?
Bei "Across the Universe" hatte ich mit Kyle Cooper und seiner Effektfirma Prologue Films zusammengearbeitet, die viele optisch herausragende Sequenzen schufen. Weil wir nur ein Budget von 20 Mio. Dollar hatten, übergaben wir alle Effektsequenzen an seine Firma. Aber ich wollte keine reinen Computerbilder. Die Figur des Luftgeists Ariel zum Beispiel verwandelt sich ständig, aber sie sollte ganz normal mit den anderen Schauspielern interagieren. Da konnte ich keine digitale Kreatur gebrauchen. Deshalb benutzen wir eine Mischung verschiedenster Techniken - von Aufnahmen vor Greenscreen bis zu real gefilmten Tricks. Mindestens die Hälfte des Films ist von Effekten geprägt, aber genauso wichtig sind die Landschaften. Wir drehten auf Hawaii - Vulkangestein, rote Tonklippen und weiße Felsen, so weit das Auge reichte.
Was für eine Rolle spielen diese Szenerien für die Handlung?
Die Landschaften sind so etwas wie ein metaphorischer Hintergrund. Vom Konzept her orientierte ich mich z. B. an Hiroshi Teshigaharas "Die Frau in den Dünen", wo eine Liebesszene in einer leuchtend roten Schlucht spielt. Auch bei Shakespeare werden die Protagonisten in der Naturszenerie miteinander konfrontiert. Eines der Themen ist die Konfrontation mit einer mächtigen Natur, die der Mensch zu kontrollieren versucht. "The Tempest" steckt voll zeitloser Themen, und das wird durch unsere Szenenbilder betont. Bei dieser Insel lässt sich nicht sagen, ob sie aus dem 15. oder 21. Jahrhundert stammt. In unserer Architektur finden sich klassische Formen, die gleichzeitig futuristisch wirken.
War dies eine befriedigendere Erfahrung als bei "Across the Universe", bei dem Sie sich mit den Produzenten um den Endschnitt streiten mussten?
Künstlerisch war "Across the Universe" eine großartige Erfahrung. Bei "The Tempest" war auch nicht alles einfach - weil einige unserer Investoren ihr Vermögen in der Finanzkrise verloren. Aber ich gebe zu: So sehr ich das Kino liebe, auf die Endstufe einer Filmproduktion - die Vermarktung, den Vertrieb - würde ich liebend gern verzichten. Bei Theater oder Oper bleibe ich davon verschont. Aber jedes dieser Medien hat seine Meriten, und deshalb liebe ich es, von einem ins andere zu wechseln - und wieder zurück.