"Kinder träumen abgeschlagene Köpfe"
Bei Tim Burtons Version des Lewis Carrolls Klassiker handelt es sich um keine wortgetrue Verfilmung, sondern eher um eine Fortsetzung. Im Gespräch erklärt der Regisseur, wie er zu diesem Ansatz kam.
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Tim Burton dirigiert seine Hauptdarstellerin und neuen Shooting-Star in Hollywood, Mia Wasikowska, beim Dreh zu "Alice im Wunderland" (Foto: Walt Disney)
Tim Burton dirigiert seine Hauptdarstellerin und neuen Shooting-Star in Hollywood, Mia Wasikowska, beim Dreh zu "Alice im Wunderland" (Foto: Walt Disney)
Mr. Burton, Sie standen wegen des angedrohten Kino-Boykotts in England, Irland und Italien unter ziemlichen Druck. "Alice im Wunderland" sollte dort wegen des vorgezogenen DVD-Starts nicht ins Kino kommen.
TIM BURTON: Ja, das war wirklich dramatisch und ich bin einfach nur froh, dass sich Disney mit den Kinoketten intern geeinigt hat. Es wurde bis zum Äußersten gekämpft, aber wie es aussieht, wird "Alice im Wunderland" nun doch nach drei Monaten auf DVD herausgebracht.
Wie stehen Sie dazu?
Das scheint der Weg zu sein, den die Filmindustrie gehen will, und ich kann nicht sagen, dass ich darüber sehr glücklich bin. Aber die Welt verändert sich nun mal permanent. Ich weiß nicht, was für Auswirkungen das auf die Kinokultur haben wird, aber ich glaube fest daran, dass Leute, die den Film sehen wollen, dafür auch weiterhin ins Kino gehen werden, um den Film auf einer großen Leinwand zu erleben.
Zumal "Alice im Wunderland" auch noch in 3D gezeigt werden kann. Sehen Sie darin die Zukunft des Kinos?
Als wir uns bei "Alice im Wunderland" dazu entschlossen, gab es noch nicht so wahnsinnig viele angekündigte 3D-Projekte. "Avatar" war bereits im Gespräch und noch ein paar Animationsfilme. Inzwischen sieht es so aus, als ob 3D die neue Wunderwaffe wäre. Alle Filme sollen jetzt nur noch in 3D gedreht werden. Ähnliches passierte, als neue Ton-, Breitwand- und Farbsysteme entwickelt wurden. Die Folge ist dann immer, dass auch schlechte Filme damit vermarktet werden. Jedes Studio springt jetzt auf den 3D-Zug, und ich prognostiziere, dass wir in nächster Zeit auch viele schlechte 3D-Filme sehen werden.
"Alice im Wunderland" ist ein Wunderwerk neuester Filmtechniken geworden. Wie sind Sie damit klar gekommen?
Was allerdings ein schwieriger Prozess für mich war, weil ich noch nie mit so vielen unterschiedlichen neuen Filmtechniken auf einmal gearbeitet habe. Es kam mir vor wie das Zusammenlegen eines Puzzles, jede Szene musste vorher genau geplant werden und es dauerte Monate, bis diese am Computer vollendet wurden. Ich arbeitete zwar noch mit realen Schauspielern, aber sie waren so gut wie nie alle zusammen am Set. Jeder wurde einzeln aufgenommen, nicht zuletzt weil sich die Körpergröße der Hauptfigur Alice permanent ändern musste. Das war alles sehr kompliziert.
Hat Sie diese Arbeitsweise als Regisseur wirklich befriedigt?
Es war auch viel Frust dabei, und erstmals in meiner Karriere zweifelte ich an dem, was ich da in der Größenordnung erschaffen wollte. Aber natürlich lernt man dabei auch viel - all die kleinen technischen Dinge, die mir diesmal zur Verfügung standen. Letztendlich ist jedes Projekt einzigartig, doch was man beim einem gelernt hat, kann man dann beim nächsten noch viel besser anwenden.
Da "Alice" ein Disney-Film ist, mussten Sie sich wahrscheinlich auch von der früheren Zeichentrickversion inspirieren lassen.
Es gibt etwa 20 Verfilmungen von Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker, und der alte Trickfilm von Disney ist nur eine davon, die ich als nicht besonders erfolgreich gelungen einstufen würde. Es ist letztendlich ein schwieriger Stoff, der verschiedene Interpretationen zulässt. Alle, die versuchten, die Vorlage wortgetreu umzusetzen, sind daran gescheitert. Deshalb war es mir wichtig, einen eigenen Kontext zu finden, um überhaupt eine Möglichkeit zu sehen, die Geschichte zu verfilmen.
Sie sind berühmt für skurrile und düstere Regieeinfälle. Inwieweit mussten Sie sich diesmal zurückhalten, damit es ein Kinderfilm bleibt?
Gleich zu Beginn sagte ich, wir drehen hier "Alice in Wunderland" und ich werde nicht versuchen, den Film bizarrer, unheimlicher oder gruseliger zu machen, als es die Vorlage hergibt. In erster Linie wollten wir dem Geist der Geschichte treu bleiben, die natürlich ebenso merkwürdige wie politisch unkorrekte Elemente in sich birgt. Klar ist es ein Disney-Film, der darüber hinaus auch noch viel kostete. Deshalb waren die Studiobosse beruhigt, als ich garantierte, dass ich nicht mehr einbringen würde, als die Geschichte verlangt.
Wobei manchen bereits die Szene zu viel ist, in der Alice über abgeschlagene Köpfe laufen muss.
Ich habe schon als Fünf- oder Sechsjähriger solche Träume gehabt und erinnere mich, dass ich damals schon Zeichnungen mit solchen Köpfen anfertigte. Es ist nun mal ein klassisches Traumbild, nur glaube ich, viele Erwachsene haben vergessen, wie sie als Kind fühlten.
Sie arbeiten am liebsten immer mit den gleichen Leuten: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Christopher Lee oder Danny Elfman für die Musik. Fühlen Sie sich dadurch sicherer?
Wobei ich auch jedes Mal versuchte, neue Leute mit an Bord zu nehmen. Ich mische also, aber ich gebe zu, dass es mir bei der schwierigen Umsetzung von "Alice im Wunderland" schon sehr geholfen hat, mich auf Menschen meines Vertrauens wie Johnny, Helena, Christopher und Danny verlassen zu können. So konnte ich mich verstärkt der technischen Probleme annehmen. Die Rolle der Alice ging aber trotzdem an ein neues Gesicht: Mia Wasikowska! Sie ist jung und trotzdem spürt man etwas Vertrautes in ihr, womit für jeden der innere Kampf in ihr nachfühlbar ist.
Werden Sie nach der Erfahrung mit "Alice im Wunderland" als nächstes wieder einen eher herkömmlichen Film drehen?
Ich konnte dadurch immerhin feststellen, wo meine wahre Leidenschaft liegt. Ich liebe es, mit Schauspielern am Set zu sehen. "Alice im Wunderland" war da anders. Ich habe es als Herausforderung genommen, denn letzten Endes muss man jedes Projekt nehmen, wie es kommt. Aber noch gibt es kein neues Filmprojekt.
In den deutschen Kinos läuft momentan auch der von Ihnen produzierte Animationsfilm "#9", dem kein großer Erfolg vergönnt war.
Er war auch nicht so teuer und es hat mir einfach Spaß gemacht, " und wollte ihm dabei behilflich sein, eine Kinoversion daraus zu machen. Wenn ich junge talentierte Filmemacher treffe, werde ich auch zukünftig versuchen, ihnen mit meinen Möglichkeiten unter die Arme zu greifen.