Martin Scorsese


  • Geburtstag
    17.11.1942
  • Geburtsort
    Queens, New York

Martin Scorsese


  • Geburtstag
    17.11.1942
  • Geburtsort
    Queens, New York
 

Seine Helden sind schwarze Engel, Schuld und Katholizismus bestimmen ihr Schicksal. Die Gewaltbereitschaft der Figuren von Martin Scorsese entsteht aus Frustrationen und den Enttäuschungen des modernen Großstadtlebens, die Gefühlskälte ihrer Umwelt macht sie "kaputt", bis sie explodieren und in einem Ausbruch von Gewalttätigkeit und Brutalität wie besessen zur Tat schreiten. Häufig autistisch, manchmal obsessiv, nehmen die Helden von Martin Scorseses Filmen geradewegs ihren Lauf durch das Fegefeuer, bis sie Erlösung finden, oft im Tod.
Martin Scorsese, geboren 1942 in Little Italy, New York, wurde wesentlich durch das italo-amerikanische Milieu sowie durch die katholische Religion geprägt. Nach einem Filmstudium und einigen Kurzfilmen arbeitete er unter anderem als Cutter bei dem Musikfilm "Woodstock". Sein in sechs Jahren Arbeit entstandenes Debüt "Who's That Knockin' on My Door", beeinflusst von der "Nouvelle Vague", fand nur einen Verleih, weil er 1969 eine Nacktszene einfügte. Sein zweiter Film "Boxcar Bertha", ein Gewerkschaftsdrama, wurde von Roger Corman, Förderer vieler Talente des New Hollywood, produziert.
Mit "Mean Streets" fand Scorsese seinen persönlichen Stil aus kaskadenartiger Montage, Gewalt und Leidenschaft. Für sein Meisterwerk "Taxi Driver", in dem Robert De Niro als Vietnamveteran eine junge Hure retten will, erhielt Scorsese 1976 die Goldene Palme von Cannes. Seine Vielseitigkeit und an musikalischen Strukturen orientierte Kunst erprobte Scorsese mit dem Musical "New York, New York" und dem Dokumentarfilm "The Last Waltz" über das Abschiedskonzert der Gruppe "The Band".
Komödien ("Die Zeit nach Mitternacht"), Kostümfilme und Literaturadaptionen ("Zeit der Unschuld"), Filme über religiöse Themen ("Kundun") und der Spielerfilm "Die Farbe des Geldes" (eine Fortführung von Robert Rossens "Haie der Großstadt") weisen Scorsese als vielseitigen Stilisten aus, der Remakes von Thrillern ("Kap der Angst") ebenso virtuos bewältigt wie die Mafiafilme, mit denen sein Name meist verbunden ist ("Good Fellas", "Casino"). Seine Verfilmung von Nikos Kazantzakis' Roman "Die letzte Versuchung Christi" löste in den USA Proteste religiöser Fundamentalisten aus. In einer dreiteiligen TV-Dokumentation führte Scorsese 1995 durch die amerikanische Filmgeschichte, von 2001 bis 2003 produzierte er die auf sieben Filme angelegte Musikdokureihe "The Blues" und übernahm für einen Teil selbst Regie.
1999 kehrte Scorsese mit Anklängen an "Taxi Driver" auf die Straßen New Yorks zurück und schilderte in "Bringing Out the Dead" 72 Stunden im Leben eines Ambulanzfahrers (Nicolas Cage), der von den Geistern der Menschen verfolgt wird, die er nicht retten konnte. Einem früheren Zeitalter der Stadt widmete sich Scorsese in "Gangs of New York": Sein monumentaler Bilderrausch zeigt einen schmutzigen, von Bandenkriegen geprägten Hexenkessel, in dem sich Daniel Day Lewis und Leonardo DiCaprio duellieren. Auf letzteren griff Scorsese auch für "Aviator", das epische Portrait des Filmmoguls und Flugpioniers Howard Hughes zurück.
2007 erhielt Scorses nach der sechsten Nominierung endlich einen hochverdienten Oscar für den Gangsterfilm "Departed - Unter Feinden". Hochkarätig besetzt (Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson) und voll der vertrauten Virtuosität erwies sich der Film als Filmpreis-Abräumer (Saturn Award, BSFC Award, DGA Award). Mit seinem Porträtfilm über die Rolling Stones, "Shine a Light", kehrte er zum Doku-Genre zurück und eröffnete damit 2008 die 58. Berlinale.
1997 erhielt Scorsese als jüngster Regisseur den Life Achievement Award des American Film Institute. Er ist zum fünften Mal verheiratet (seine zweite Ehefrau war von 1979 bis 1983 Isabella Rossellini) und hatte 1977 eine Affäre mit Liza Minnelli. Seine 1999 geborene Tochter Francesca Scorsese aus der Ehe mit Helen Morris spielte sowohl in "Aviator" als auch in "Departed - Unter Feinden" mit.

Martin Scorsese

  • Geburtstag
    17.11.1942
  • Geburtsort
    Queens, New York
  • Geburtsland
    USA
  • Familie
    Mutter: Catherine Scorsese (Arbeiterin in der Textilbranche, 1997 verstorben)
    Vater: Luciano Charles Scorsese (Arbeiter in der Textilbranche, 1993 verstorben)

    Bruder: Frank Scorsese (Zahnarzt, geb. 1935)

    Ehefrauen:
    Helen Morris (Lektorin, seit 22.07.1999)
    Barbara De Fina (Produzentin, Februar 1985 bis ?)
    Isabella Rossellini (Schauspielerin, 29.09.1979 bis 1983)
    Julia Cameron (Autorin, 30.12.1975 bis ?)
    Laraine Brennan (15.05.1965 bis ?)

    Töchter:
    Francesca (von Helen Morris, geb. 16.10.1999)
    Domenica Cameron-Scorsese (von Julia Cameron, geb. 06.09.1976)
    Cathy Scorsese (von Laraine Marie Brennan, geb. 07.12.1965)
  • Autogrammadresse
    c/o The Firm
    9465 Wilshire Blvd, 6th floor
    Beverly Hills, CA 90212
    USA
  • Links
    http://www.scorsesefilms.com/ ( Fan-Seite)

"Ich mag Dreharbeiten nicht"

Mit "Shutter Island" kehrt Martin Scorsese vier Jahre nach seinem Oscar-Gewinn mit "Departed - Unter Feinden" auf die große Leinwand zurück. Auf der Berlinale feierte der Thriller im Wettbewerb außer Konkurrenz Weltpremiere.

Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger)

In Ihrem Film über die Geschichte des Hollywoodfilms erzählen Sie von den Größen des Studiosystems, die einen Film für das Studio und als Ausgleich wieder einen Film für sich drehen durften. In welches Lager fällt "Shutter Island"?
MARTIN SCORSESE: Ich habe einen Weg gesucht, beides zu machen. Es war eine der Verlockungen dieses speziellen Projekts, diesen Drahtseilakt hinzubekommen: einen großen Film zu drehen voller Verweise auf das Genrekino der Zeit, gleichzeitig aber auch Inhalte zu vermitteln, die mir wichtig sind. Ich stehe hinter den philosophischen Betrachtungen, die Dennis Lehane in seinem Roman angestellt und Laeta Kalogridis in ihrem Drehbuch ausgearbeitet hat. Ich habe mich angesichts dieser Konstellation sehr wohl gefühlt, und dachte mir, dass man es mal versuchen und herausfinden sollte, was passiert.

Das klingt nicht nach einem Kompromiss.
Ist es auch nicht. Für sie ist es ein großer Film, vermute ich. Man hätte ihn für weniger machen können. Wir haben ihn für mehr gedreht. Man nannte mir ein gewisses Budget, und ich habe gesagt: Das schaffe ich. Die Frage, die sich stellt, ist Folgende: Wäre er besser geworden, wenn wir weniger Geld zur Verfügung gehabt hätten? Das muss nicht unbedingt so sein.

Also keiner der harten Kämpfe, wie Sie sie früher ausfechten mussten.
"Departed" war ein extrem harter Kampf. Diesmal war es einfach. Die einzigen Probleme gab es in den letzten vier Wochen der Dreharbeiten. Wir überzogen den Zeitplan, den die Produzenten aufgestellt hatten, der aber unrealistisch war, lagen damit aber immer noch exakt in dem Zeitplan, den ich von Anfang an vorgeschlagen hatte. Ich hatte ihnen nur gesagt, dass ich versuchen würde, ihre Vorstellungen umzusetzen, es aber nicht garantieren könnte. So ist es auch gekommen. Jeder Tag kostet viel Geld, und ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Aber wenn man, wie in unserem Fall, viel draußen dreht, kann man einfach nicht alles hundertprozentig planen. Aber wir haben das im Schnitt wieder reingeholt.

Gehen Sie heute entspannter mit dem Druck bei einem Dreh um als zu Beginn Ihrer Karriere?
Nein, überhaupt nicht. Ich mag Dreharbeiten nicht, ich mag es nicht, dass mir eng gesteckte Drehpläne diktieren, wann ich fertig sein muss. Aber ich werde gerne fertig. Der Spaß beginnt beim Schnitt.

Was war es, das Sie bei "Shutter Island" persönlich ansprach?
Bei der letzten Szene hatte ich Tränen in den Augen. Teddys ultimative Entscheidung bewegte mich so sehr, dass ich gleich noch mal das ganze Drehbuch las, um herauszufinden, warum er sie trifft. Sein überwältigendes Leiden beschäftigte mich sehr und diktierte meine Entscheidungen bei der Inszenierung. Ich wollte das in meinem Film festhalten. Gleichzeitig fand ich auch das Mitgefühl der Menschen um ihn beachtlich.

Was interessierte Sie an den Kriegsszenen in "Shutter Island"?
Es war nicht meine Idee, es stand bereits im Buch und im Drehbuch. Und es ergibt natürlich Sinn im zeitlichen Zusammenhang. Der Film spielt 1954, natürlich war unsere Hauptfigur im Krieg. Als die Veteranen aus dem Krieg zurückkehrten, reagierte das Kino natürlich auf diese Situation. Filme wie "Die besten Jahre unseres Lebens" von William Wyler, das war die zivilisierte Version. Und dann gab es den Film noir, das war die unzivilisierte Version, welche Wunden der Krieg geschlagen hatte. Film noir hat die Zeit überdauert, weil hier die Stimmung der Zeit aufgegriffen wurde: Man hatte einen Krieg hinter sich, der mit atomarer Energie beendet wurde. Erstmals wurde man mit dem Bewusstsein konfrontiert, dass sich die Spezies Mensch selbst auslöschen kann, wenn man diese Aspekte unserer Natur nicht kontrolliert.

War es schwierig, die Balance zwischen den ernsthaften Anliegen und den Pulp-Aspekten der Geschichte zu halten?
Unentwegt. Aber dann war es auch wichtig, sich dem Pulp voll und ganz auszuliefern. Ich war da zunächst zurückhaltend, weil ich mir nicht sicher war, ob man damit nicht übertreibt. Wir haben viele Klappen gedreht und uns Schritt für Schritt angenähert. Aber wie dreht man das, wenn es im Drehbuch heißt: Zwei Männer gehen in einer stürmischen Nacht auf einer einsamen Insel auf dem Gelände einer Anstalt für verrückte Schwerverbrecher auf eine entlegene Villa zu? Was fällt einem dazu ein? Ich kann da nur an die Bilder des Gothic Horror denken. Und überlege mir im nächsten Moment, wie man das anders gestalten kann. Ich will den Kuchen nicht nur haben, sondern auch noch essen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir immer erfolgreich waren. Aber ich sage Ihnen auch: Wir haben in einem verlassenen Irrenhaus gedreht. Da braucht man sich mit dem Pulp keine Mühe geben. Der ist schon da.

Es geht in dem Film auch um eine verzerrte Perspektive der Realität. Inwiefern konnten Sie auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen, vielleicht ihre nicht so schönen Drogenerfahrungen in den Siebzigern?
Die waren nicht unbedingt nur schlecht. Sie waren schlecht genug, aber nicht ausschließlich. Entschuldigen Sie diese verantwortungslose Bemerkung, aber es wird immer vom Drama der Siebzigerjahre gesprochen. Es gab kein Drama. Es ging uns um Suche, da begibt man sich nicht nur auf angenehme Pfade. Ich bin froh, dass ich den Weg zurück gefunden habe.

Suchen Sie immer noch?
Verdammt, ja! Ich gebe mir Mühe.

Ist 3D etwas, was Sie interessieren würde?
Selbstverständlich. Dabei reizt mich weniger die Idee eines digitalen Universums. Film ist ein sehr flüchtiges Medium. Die Pioniere mussten sich mit Schwarzweiß begnügen, konnten das zweidimensionale Bild nicht mit Ton synchronisieren. Daran haben sie gearbeitet, bis es den Farbfilm und Tonfilm gab. Tatsächlich war das dreidimensionale Bild eine weitere Entwicklung, an der schon damals gefeilt wurde. Die Brüder Lumiere haben früh damit experimentiert. Thierry Frémaux arbeitet an der Restaurierung jener zwei Filme, die von damals überlebt haben. Das nannte man in den Zwanzigerjahren "Natural Vision" - und genau das war das Bestreben der Pioniere: Was man auf der Leinwand sieht, soll der eigentlichen Seherfahrung so nahe wie möglich kommen. Und wir sehen nun mal dreidimensional. Ich finde das spannend, auch wenn ich mit dem zweidimensionalen Kinobild aufgewachsen bin. Für mich wäre wichtig, dass die dreidimensionale Auflösung des Raums bereits im Drehbuch festgehalten ist: Der Effekt interessiert mich nicht, die erzählerischen Möglichkeiten schon. "Metropolis" in 3D? Kommt, Leute, das wäre doch aufregend!

Dazu passt, dass Sie offenbar offener geworden sind für Stile oder Genres, die Sie früher vermutlich gemieden hätten. Als Nächstes drehen Sie einen Familienfilm.
Meine Tochter soll ihn sich ansehen können. Ich bin nicht mehr so streng und habe Spaß daran, innerhalb der Parameter einer Erzählung herumzuspielen. "The Invention of Hugo Cabret" steckt voller unglaublicher Möglichkeiten, und ich kann nur hoffen, dass ich dem Erfindungsreichtum der Bilder gerecht werde. Ich hoffe, in den nächsten Jahren gesund zu bleiben und noch ein paar Filme machen zu können, weil meine Lust am Experimentieren ungebrochen ist. Am meisten kann ich das allerdings in meinen Dokus ausleben - "No Direction Home", "Shine a Light" oder die Doku über George Harrison, an der ich gerade arbeite. Und ich habe gerade ein B-Movie für HBO gedreht, der Pilotfilm zu "Boardwalk Empire". Das war aufregend, 30 Drehtage. Damit Sie nicht glauben, ich könnte nur Filme mit 80 Drehtagen machen. ts

"Ich mag Dreharbeiten nicht"

Mit "Shutter Island" kehrt Martin Scorsese vier Jahre nach seinem Oscar-Gewinn mit "Departed - Unter Feinden" auf die große Leinwand zurück. Auf der Berlinale feierte der Thriller im Wettbewerb außer Konkurrenz Weltpremiere.

Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger)

In Ihrem Film über die Geschichte des Hollywoodfilms erzählen Sie von den Größen des Studiosystems, die einen Film für das Studio und als Ausgleich wieder einen Film für sich drehen durften. In welches Lager fällt "Shutter Island"?
MARTIN SCORSESE: Ich habe einen Weg gesucht, beides zu machen. Es war eine der Verlockungen dieses speziellen Projekts, diesen Drahtseilakt hinzubekommen: einen großen Film zu drehen voller Verweise auf das Genrekino der Zeit, gleichzeitig aber auch Inhalte zu vermitteln, die mir wichtig sind. Ich stehe hinter den philosophischen Betrachtungen, die Dennis Lehane in seinem Roman angestellt und Laeta Kalogridis in ihrem Drehbuch ausgearbeitet hat. Ich habe mich angesichts dieser Konstellation sehr wohl gefühlt, und dachte mir, dass man es mal versuchen und herausfinden sollte, was passiert.

Das klingt nicht nach einem Kompromiss.
Ist es auch nicht. Für sie ist es ein großer Film, vermute ich. Man hätte ihn für weniger machen können. Wir haben ihn für mehr gedreht. Man nannte mir ein gewisses Budget, und ich habe gesagt: Das schaffe ich. Die Frage, die sich stellt, ist Folgende: Wäre er besser geworden, wenn wir weniger Geld zur Verfügung gehabt hätten? Das muss nicht unbedingt so sein.

Also keiner der harten Kämpfe, wie Sie sie früher ausfechten mussten.
"Departed" war ein extrem harter Kampf. Diesmal war es einfach. Die einzigen Probleme gab es in den letzten vier Wochen der Dreharbeiten. Wir überzogen den Zeitplan, den die Produzenten aufgestellt hatten, der aber unrealistisch war, lagen damit aber immer noch exakt in dem Zeitplan, den ich von Anfang an vorgeschlagen hatte. Ich hatte ihnen nur gesagt, dass ich versuchen würde, ihre Vorstellungen umzusetzen, es aber nicht garantieren könnte. So ist es auch gekommen. Jeder Tag kostet viel Geld, und ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Aber wenn man, wie in unserem Fall, viel draußen dreht, kann man einfach nicht alles hundertprozentig planen. Aber wir haben das im Schnitt wieder reingeholt.

Gehen Sie heute entspannter mit dem Druck bei einem Dreh um als zu Beginn Ihrer Karriere?
Nein, überhaupt nicht. Ich mag Dreharbeiten nicht, ich mag es nicht, dass mir eng gesteckte Drehpläne diktieren, wann ich fertig sein muss. Aber ich werde gerne fertig. Der Spaß beginnt beim Schnitt.

Was war es, das Sie bei "Shutter Island" persönlich ansprach?
Bei der letzten Szene hatte ich Tränen in den Augen. Teddys ultimative Entscheidung bewegte mich so sehr, dass ich gleich noch mal das ganze Drehbuch las, um herauszufinden, warum er sie trifft. Sein überwältigendes Leiden beschäftigte mich sehr und diktierte meine Entscheidungen bei der Inszenierung. Ich wollte das in meinem Film festhalten. Gleichzeitig fand ich auch das Mitgefühl der Menschen um ihn beachtlich.

Was interessierte Sie an den Kriegsszenen in "Shutter Island"?
Es war nicht meine Idee, es stand bereits im Buch und im Drehbuch. Und es ergibt natürlich Sinn im zeitlichen Zusammenhang. Der Film spielt 1954, natürlich war unsere Hauptfigur im Krieg. Als die Veteranen aus dem Krieg zurückkehrten, reagierte das Kino natürlich auf diese Situation. Filme wie "Die besten Jahre unseres Lebens" von William Wyler, das war die zivilisierte Version. Und dann gab es den Film noir, das war die unzivilisierte Version, welche Wunden der Krieg geschlagen hatte. Film noir hat die Zeit überdauert, weil hier die Stimmung der Zeit aufgegriffen wurde: Man hatte einen Krieg hinter sich, der mit atomarer Energie beendet wurde. Erstmals wurde man mit dem Bewusstsein konfrontiert, dass sich die Spezies Mensch selbst auslöschen kann, wenn man diese Aspekte unserer Natur nicht kontrolliert.

War es schwierig, die Balance zwischen den ernsthaften Anliegen und den Pulp-Aspekten der Geschichte zu halten?
Unentwegt. Aber dann war es auch wichtig, sich dem Pulp voll und ganz auszuliefern. Ich war da zunächst zurückhaltend, weil ich mir nicht sicher war, ob man damit nicht übertreibt. Wir haben viele Klappen gedreht und uns Schritt für Schritt angenähert. Aber wie dreht man das, wenn es im Drehbuch heißt: Zwei Männer gehen in einer stürmischen Nacht auf einer einsamen Insel auf dem Gelände einer Anstalt für verrückte Schwerverbrecher auf eine entlegene Villa zu? Was fällt einem dazu ein? Ich kann da nur an die Bilder des Gothic Horror denken. Und überlege mir im nächsten Moment, wie man das anders gestalten kann. Ich will den Kuchen nicht nur haben, sondern auch noch essen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir immer erfolgreich waren. Aber ich sage Ihnen auch: Wir haben in einem verlassenen Irrenhaus gedreht. Da braucht man sich mit dem Pulp keine Mühe geben. Der ist schon da.

Es geht in dem Film auch um eine verzerrte Perspektive der Realität. Inwiefern konnten Sie auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen, vielleicht ihre nicht so schönen Drogenerfahrungen in den Siebzigern?
Die waren nicht unbedingt nur schlecht. Sie waren schlecht genug, aber nicht ausschließlich. Entschuldigen Sie diese verantwortungslose Bemerkung, aber es wird immer vom Drama der Siebzigerjahre gesprochen. Es gab kein Drama. Es ging uns um Suche, da begibt man sich nicht nur auf angenehme Pfade. Ich bin froh, dass ich den Weg zurück gefunden habe.

Suchen Sie immer noch?
Verdammt, ja! Ich gebe mir Mühe.

Ist 3D etwas, was Sie interessieren würde?
Selbstverständlich. Dabei reizt mich weniger die Idee eines digitalen Universums. Film ist ein sehr flüchtiges Medium. Die Pioniere mussten sich mit Schwarzweiß begnügen, konnten das zweidimensionale Bild nicht mit Ton synchronisieren. Daran haben sie gearbeitet, bis es den Farbfilm und Tonfilm gab. Tatsächlich war das dreidimensionale Bild eine weitere Entwicklung, an der schon damals gefeilt wurde. Die Brüder Lumiere haben früh damit experimentiert. Thierry Frémaux arbeitet an der Restaurierung jener zwei Filme, die von damals überlebt haben. Das nannte man in den Zwanzigerjahren "Natural Vision" - und genau das war das Bestreben der Pioniere: Was man auf der Leinwand sieht, soll der eigentlichen Seherfahrung so nahe wie möglich kommen. Und wir sehen nun mal dreidimensional. Ich finde das spannend, auch wenn ich mit dem zweidimensionalen Kinobild aufgewachsen bin. Für mich wäre wichtig, dass die dreidimensionale Auflösung des Raums bereits im Drehbuch festgehalten ist: Der Effekt interessiert mich nicht, die erzählerischen Möglichkeiten schon. "Metropolis" in 3D? Kommt, Leute, das wäre doch aufregend!

Dazu passt, dass Sie offenbar offener geworden sind für Stile oder Genres, die Sie früher vermutlich gemieden hätten. Als Nächstes drehen Sie einen Familienfilm.
Meine Tochter soll ihn sich ansehen können. Ich bin nicht mehr so streng und habe Spaß daran, innerhalb der Parameter einer Erzählung herumzuspielen. "The Invention of Hugo Cabret" steckt voller unglaublicher Möglichkeiten, und ich kann nur hoffen, dass ich dem Erfindungsreichtum der Bilder gerecht werde. Ich hoffe, in den nächsten Jahren gesund zu bleiben und noch ein paar Filme machen zu können, weil meine Lust am Experimentieren ungebrochen ist. Am meisten kann ich das allerdings in meinen Dokus ausleben - "No Direction Home", "Shine a Light" oder die Doku über George Harrison, an der ich gerade arbeite. Und ich habe gerade ein B-Movie für HBO gedreht, der Pilotfilm zu "Boardwalk Empire". Das war aufregend, 30 Drehtage. Damit Sie nicht glauben, ich könnte nur Filme mit 80 Drehtagen machen. ts

2010
67. Golden Globe
Cecil B. DeMille Award
2007
64. Golden Globe
Beste Regie - Departed - Unter Feinden
2006
79. Oscar-Verleihung - Academy Awards
Beste Regie - Departed - Unter Feinden
2003
60. Golden Globe
Beste Regie - Gangs of New York
1995
52. Internationale Filmfestspiele in Venedig
Goldener Löwe für das Lebenswerk
1991
44. British Academy Awards
Beste Regie - Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia
1987
40. British Academy Awards
Beste Drehbuchadaptation - Cinema Paradiso
1986
39. Internationale Filmfestspiele in Cannes
Beste Regie - Die Zeit nach Mitternacht
 

Filmografie

Martin Scorsese

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