Schummeln im Militärhangar
Der einstige Genesis-Sänger Peter Gabriel, der schon bei Videoclips und CD-ROMs Pionierarbeit geleistet hat, sieht auch in der Musik-DVD ein höchst innovatives Format. Allerdings erkennt der Künstler auch dessen Grenzen; Er widerspricht der weit verbreiteten These, dass die DVD die CD ablösen werde.
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Setzte nur einen Teil seiner Visionen auf DVD um: Peter Gabriel
Setzte nur einen Teil seiner Visionen auf DVD um: Peter Gabriel
"Ursprünglich wollten wir für die DVD den Multiangle-Aspekt des Mediums nutzen, um die Mehrdimensionalität des Spektakels einzufangen", berichtet Peter Gabriel über seine neue DVD "Growing Up Live".
Doch die Pläne, das in Mailand mitgefilmte Konzert aus mehreren Perspektiven zu zeigen, zerschlugen sich, weil die Speicherkapazität für Gabriels Ansprüche zu gering war: "Wir wollten keine Doppel-DVD produzieren, weil der Zuschauer das Konzert - verteilt auf zwei Discs - nicht als kontinuierliches Erlebnis hätte genießen können. Das Medium DVD bietet schlicht nicht genug Platz, um auf einer einzelnen Disc ein Konzert dieser Länge komplett mit dem Multiangle-Feature auszustatten", ergänzt Hamish Hamilton, der Regisseur des DVD-Projekts.
Deswegen entschieden sich Gabriel und Hamilton, dem Zuschauer einen Konzertfilm in bestechend guter Bild- und Tonqualität zu liefern und nahmen bei der Postproduktion einige nachträgliche Korrekturen vor, wie Gabriel beichtet: "Ich gebe freimütig zu, dass wir bei der musikalischen Leistung und beim Sound geschummelt haben. Mein Gesang ließ mitunter stark zu wünschen übrig."
Hardcore-Fans hätten sich laut Gabriel wohl damit zufrieden gegeben, aber Gabriel wollte mehr: "Wenn man sich mit einer DVD schon im Wohnzimmer der Käufer befindet, sollte man ihnen auch eine künstlerische Leistung bieten, die nicht unter einem gewissen Standard bleibt. Um etwa die richtige Live-Atmosphäre einzufangen, haben wir die Aufnahmen aus Mailand in einem Militärhangar abgespielt und sie mit dem Raumklang des Hangars gemischt."
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Genial - und in den Augen des Meisters doch immer noch ein Kompromiss
Genial - und in den Augen des Meisters doch immer noch ein Kompromiss
Die Hintertür zum Wohnzimmer
Gabriels Prognosen für die DVD als Format der Zukunft sind vorsichtig, aber optimistisch. Er verweist auf CD-ROMs, die er Anfang der 90er-Jahre produziert hatte, die sich aber nie am Markt etablieren konnten. Dagegen stehe die DVD erst am Anfang ihrer Nutzungsmöglichkeiten, so Gabriel. "Die meisten Konsumenten haben sich die DVD-Hardware für Filme gekauft. Musiker und Künstler können sich quasi über die Hintertüre den Zugang in die Wohnzimmer der Konsumenten ebnen."
Darin sieht der schon immer optisch interessierte Performance-Künstler eine Perspektive, um auch langfristig DVDs beim kreativen Prozess einzusetzen. Er sagt aber auch: "Was mich bislang davon abhielt, stärker mit DVDs und dem 5.1-Surround-Sound zu arbeiten, liegt an technischen wie wirtschaftlichen Gründen. Denn den meisten Konsumenten werden drei gute Lautsprecher für die Front verkauft, aber zwei miserable für die Position hinter dem Rücken." Aber weil sich das langsam verbessere, wolle er in Zukunft seine Audioerzeugnisse in 5.1 abmischen - "zumindest solange, bis das System überholt ist".
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Peter Gabriel prophezeit das Überleben beider Formate
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Parallel-Existenz von CD und DVD
So glaubt der Engländer auch nicht, dass die DVD die herkömmliche Audio-CD ablösen wird. "Wie viele andere höre ich Musik am häufigsten im Auto. Den Wagen zu lenken und gleichzeitig auf einen kleinen Bildschirm zu schauen, stelle ich mir schwierig vor. Deswegen werden beide Medien auch in Zukunft parallel existieren, wenn auch, angesichts der miserablen, finanziellen Situation der Industrie, mit weniger dicken Budgets im Rücken."
Bei der Tour, die der DVD-Produktion zugrunde lag, spielten Budgetprobleme jedoch keine Rolle. In den 32 nordamerikanischen und europäischen Städten mit 45 ausverkauften Konzerten hatte Gabriel zusammen mit dem kanadischen Theaterregisseur Robert Lepage zwei übereinander hängende, hydraulische Rundbühnen konstruiert. Damit setzte der Künstler seine theatralischen Ansätze seiner Genesis-Zeit fort, hat diese aber für das DVD-Zeitalter moduliert: "Als ich Anfang der 70er-Jahre begann, als Blume aufzutreten, muss ich wohl eine gewisse Sucht zur visuellen Umsetzung meiner Songs entwickelt haben. Ich hatte immer das Gefühl, dass man dem Gigantismus großer Rockkonzerte einen visuellen Kontrapunkt gegenüber stellen sollte, der die Emotionalität der Songs verdeutlicht. Das ist uns mit dieser Tour gelungen."