Ralf Huettner


 

"Leicht erzählen und tief gehen"

Nach einem Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz ("Doctor's Diary) filmt Ralf Huettner ein ungewöhnliches Trio, für das eine Reise ans Meer zum Selbstfindungstrip wird. Im Interview berichtet er von einem schwierigen Dreh.

"vincent will meer" ist ein sensibles kleines Kunstwerk, in dem es viel zu lachen gibt, und das zugleich Tiefe bietet, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. (Foto: Constantin) Großansicht

"vincent will meer" ist ein sensibles kleines Kunstwerk, in dem es viel zu lachen gibt, und das zugleich Tiefe bietet, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. (Foto: Constantin)

Wie war Ihre Herangehensweise an die Darstellung des Tourette-Syndroms, unter dem die Hauptfigur leidet?
RALF HUETTNER: Erst mal hatte sich Florian David Fitz wegen des Drehbuchs zu "vincent will meer" schon lange mit der Krankheit beschäftigt. Und im Endeffekt ist die Symptomatik relativ simpel. Es gibt ein paar Bewegungen und diese oftmals ordinären Worte. Das war also nicht der Punkt. Der Punkt war immer: Wie weit können wir es benutzen? Also, wie weit ist es lustig? Oder geht es einem nicht irgendwann auf die Nerven? Das war schwierig. Wir haben beim Drehen genau darauf geachtet, dass wir verschiedene Varianten haben.

War es so wichtig, dass es auch lustig blieb?
Ja, ich denke schon. Sonst erträgt man es nicht. Das gilt auch für die anderen Erkrankungen, wie die Zwangsneurosen. Wie äußert sich das? Wir haben uns wirklich Szene für Szene erarbeiten müssen - was daran zwangskrank ist und was daran vielleicht lustig oder was einfach nur blöd ist.

Je mehr sich der Film der Krankheit Anorexie zuwendet, desto ernster wird er.
Das Thema ist viel ernster. Es ist aber auch bei allen Dramödien so: Am Anfang sind sie alle etwas lustiger und hinten raus, wenn die eigentlichen Themen kommen, kann es nicht mehr so lustig sein. Das liegt, glaube ich, am Genre.

Der Film tut sich auch bei einer Lösung für die magersüchtige Marie, im Gegensatz zu Vincent, schwerer.
Ein Happy End hätte die Figur total verraten. Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres, als Filme, die ein Problem ernsthaft angehen und mir hinterher eine Lösung anbieten, bei der ich das Gefühl habe, die will ich gar nicht, weil ich spüre, sie stimmt nicht.

War der Aspekt des Road-Movies etwas, das Sie an dem Projekt interessierte?
Road-Movie klingt immer so toll, aber letztlich ist es sehr stressig. Ich hatte eher Schiss davor. Die ganze Zeit im Auto, was macht man da? Wir haben also versucht, alle Möglichkeiten, die sich uns auch finanziell boten, zu nutzen. Aber es ist nicht so, dass es wahnsinnig viel Laune macht, im Auto zu drehen. Wir haben auch versucht, aus der Metapher der Reise ans Meer kein großes Thema zu machen, sondern es eher en passant zu erzählen.

Wie lief der Dreh?
Wir hatten wahnsinniges Glück mit dem Wetter. Aber der Dreh war anstrengend, auch ein bisschen, da ich zum ersten Mal den Drehbuchautor als Schauspieler dabei hatte. Das war auch für Florian David Fitz kompliziert. Da gab es ab und zu Reibungen, die aber auch gut waren. Wir wollten ziemlich viel.

Sie arbeiten sowohl fürs Kino als auch fürs Fernsehen.
Ja, das ist in Deutschland so. Man kommt dem Fernsehen nicht aus.

Das klingt etwas bedauernd.
Ja. Fernsehen ist gerade schon sehr mutlos. Und um es mutiger zu machen, braucht man natürlich Partner. Momentan schauen alle auf die Quote - nicht anecken und nichts falsch machen. Schauen Sie sich die ganzen Amphibienfilme an. Das ist alles ein Mischmasch, nur um keine Fehler zu machen.

Wie geht es weiter bei Ihnen?
Es gibt die Idee, "Musterknaben 4" fürs Kino zu machen. Dann gibt es ein schönes Projekt, auch fürs Kino, das heißt "Die Kunst des Wünschens". Es ist ein Film, der sich mit der Methodik, sich etwas zu wünschen, um glücklich zu werden, auseinandersetzt. Das dramatisiert, ist eine sehr schöne Geschichte, eigentlich über die Jetztzeit.

Auch diese Projekten werden Ihren typischen humoristischen Touch haben?
Ich denke schon. Das mache ich am liebsten. Wenn man leicht erzählt, dann kann man auch tief gehen ohne aufzusetzen. Ich möchte lachen im Kino und ich möchte auch weinen. Vielleicht will ich zu viel, aber das wäre mir am liebsten. Und ich möchte vor allem gute Musik im Kino haben.

2011
61. Deutscher Filmpreis
Filmpreis in Gold, Bester Spielfilm - Vincent will meer
2008
44. Adolf Grimme Preis
Regie (Unterhaltung) - Dr. Psycho (1. Staffel, 6 Folgen)
 

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