"Shakespeare hat zu 100% nicht selbst geschrieben!"
"Anonymus" ist einer der kostengünstigsten Filme von Roland Emmerich - und einer der riskantesten. Der 55-jährige Regisseur folgte mit diesem Passionsprojekt seinen künstlerischen Interessen. Und das war nur dank seiner bisherigen Erfolge möglich.
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Katastrophen-Spezialist Roland Emmerich am Set von "Anonymus" im nachgebauten Globe Theatre, wo die angeblichen Shakespeare-Meisterwerke ihre Premieren feierten (Foto: Constantin)
Katastrophen-Spezialist Roland Emmerich am Set von "Anonymus" im nachgebauten Globe Theatre, wo die angeblichen Shakespeare-Meisterwerke ihre Premieren feierten (Foto: Constantin)
Wie kommt ein Regisseur, der für Weltuntergangsszenarien bekannt ist, zu einer Geschichte, die sich mit dem Urheber der Shakespeare-Stücke beschäftigt?
ROLAND EMMERICH: Das begann vor über neun Jahren. Damals bekam ich das Drehbuch "Soul of the Age", das die Grundlage für "Anonymus" bildete, zugeschickt. Ich fand die Geschichte absolut unglaublich und rief sofort Autor John Orloff an. Der Grund, diesen Film zu machen, war: Sein Skript hat mich umgehauen.
Dass Sie mit diesem Film Ihr Stammpublikum, das mit Ihnen Filme wie "Independence Day" oder "2012" verbindet, verblüffen, ist Ihnen bewusst?
Ich glaube, ich gelte noch als "Master of Disaster", wovon ich gar nicht so begeistert bin. Schon vor "2012" wollte ich keinen Katastrophenfilm mehr machen, bis mich mein Schreibpartner Harald Kloser doch überredet hat. Dean Devlin, mein Koautor von "Independence Day", war von "Anonymus" total überwältigt. Nach der ersten Vorführung redete er stundenlang auf mich ein, bis ich sagte: "Reg dich wieder ab."
Was sagte er denn genau zu Ihnen?
Er mochte, dass ich endlich das gemacht habe, was er in mir gesehen hat. Die Leute, die mit mir arbeiten, wissen, was ich so lese und wofür ich mich privat interessiere. Ich bin ja mit Thomas Mann und Dostojewski groß geworden. Dean meinte zu mir: "Es ist toll, dass du es allen Leuten zeigst." Das war nie mein Ziel. Ich habe den Film gemacht, weil ich von der Geschichte tief berührt war.
Vor sechs Jahren starteten Sie ja bereits einen Anlauf, stoppten aber das Projekt.
Weil es zu teuer geworden wäre. Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass es seinerzeit nicht geklappt hat. Ich war damals noch nicht so weit und die Technik auch nicht. Außerdem hatte ich seinerzeit nicht den Einfluss wie heute. Dass ich mit "2012" viel Geld für Sony verdient habe, hat sicher geholfen. Die wollen weiter Filme mit mir machen. Sonst darf ja nur eine kleine Gruppe von Regisseuren von Scorsese bis Stephen Daldry so etwas drehen. Aber ich fühlte mich sicher: Wenn ich das in den Sand setze, wird mir keiner den Kopf abreißen. Außerdem mochte Sony-Studiochefin Amy Pascal das Drehbuch. Ich habe sogar einen Weg gefunden, den Film für 26 Mio. Dollar zu machen - nachdem das Budget ursprünglich auf 40 Mio. angesetzt war.
Wie haben Sie das gemacht?
Ich habe zum ersten Mal alles, was ich gelernt habe, benutzt, um einen Film billiger zu machen. Man braucht keine große Komparserie mehr oder alle Bauten. Mit ein bisschen Vordergrund kann man alles so herstellen, dass kein Mensch sieht, dass es CG ist. Das haben wir bereits bei "2012" so gemacht. Der Zeitdruck war auch ein bisschen größer, trotz der Budgetbeschränkungen habe ich das kaum gemerkt. Ich finde, der Film sieht aus, als hätte er 70 oder 80 Mio. Dollar gekostet. Wir haben uns alle ins Zeug gelegt. Und wenn viele Leute begeistert von etwas sind, merkt man das eben. Es hat auch geholfen, dass ich in Deutschland gedreht habe. Die Deutschen sind die besten Filmtechniker der Welt.
Sie hätten das Projekt auch aus eigener Tasche finanzieren können.
Ganz am Anfang sagte ich, ich zahle die Hälfte. Aber dann saß ich in einem Meeting mit Amy Pascal. Man muss eben sein Glück herausfordern.
Heißt das, Sie lassen sich auf weitere riskante Passionsprojekte ein?
Ich habe schon immer das Risiko geliebt. Auch bei meinen großen Filmen. Ich kann -sagen, ich habe alles erreicht. So gesehen ist mir alles egal, selbst wenn ich natürlich nicht gern Geld verliere. Ich erkenne ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler. So habe ich mich relativ sicher gefühlt, als ich "Anonymus" gemacht habe.
Wie nervös sind Sie, da Ihr Passionsprojekt in die Kinos kommt?
Ich bin ziemlich entspannt. Einmal dachte ich, ich hätte einen wirklich guten Film gemacht, das war "Der Patriot". Die Reaktionen des Publikums und der Kritik haben mich sehr enttäuscht. Seither sage ich mir: Dreh deine Filme und mach dir keine Sorgen. In dem Beruf musst du zum Zen-Meister werden.
Nervös könnten vielleicht ein paar Forscher werden. Ihr Film schreibt ja die Urheberschaft der Shakespeare-Texte Edmund de Vere, dem Earl of Oxford, zu.
Richtig. Die sogenannten "Stratfordianer" haben vor diesem Film große Angst. In unserer Zeit glauben die Leute aber eher dem, was sie im Film sehen, und nicht dem, was sie lesen. Als "Amadeus" herauskam, hatten alle Befürchtungen, dass er das Bild von Mozart ankratzen könnte; tatsächlich hat ihn der Film hip und cool gemacht.
"Amadeus" war eine fiktive Geschichte. Wer war nun nach Ihrer Auffassung der wahre Autor?
Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass William Shakespeare es nicht war. Der war ein Geschäftsmann, kein Autor. Das ergibt keinen Sinn, wenn man sich die Fakten anschaut. Ich würde nicht die Hand ins Feuer legen, dass der Earl of Oxford der Autor war, aber ich halte ihn für den wahrscheinlichsten Kandidaten.
Mit Ihrem nächsten Projekt "Singularity" wenden Sie sich wieder dem Science-Fiction-Film zu. Bleibt "Anonymus" Ihr einziger Ausflug ins Arthouse-Kino?
Ich will andere Genres ausprobieren. Große Unterhaltungsfilme gehören für mich mit dazu. Gleichzeitig plane ich weitere kleinere Projekte, die ich zwischendrin drehen möchte. Aber auch diese Filme versuche ich so unterhaltend und für ein so breites Publikum wie möglich zu machen. Ein anderer Regisseur hätte in "Anonymus" vielleicht nur Talking Heads gefilmt, aber ich wollte eben auch Totalen und ein bisschen opulenter werden, ohne großes Geld zu haben. Und das möchte ich auch künftig so halten. Ich mag historische Stoffe. In deren Rahmen kann man etwas zeigen, was einen auch heute noch beschäftigt. In meinem Kopf habe ich so viele Filme, die ich noch machen will. Am liebsten würde ich jedes Jahr einen drehen.
Mit "Anonymus" zeigen Sie, wie politisch Kunst sein kann. Wird das auch für "Singularity" gelten?
Oh ja. "Singularity" wird extrem politisch. Er handelt von der Zukunft der Pharmaindustrie, und es geht um Fragen, wie, warum wir ewig leben wollen und welche Gefahren das mit sich bringt. Das wird ein intellektueller Actionfilm.
Nur intellektuell?
Mit viel Action. Die erste Reaktion von Sony war: "Es gibt zu viel Action." Ich sagte nur: "Wirklich?"