"Die Fußball-WM hat uns geholfen"
Mit "Schlafkrankheit", in Berlin mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet, wagt sich Ulrich Köhler ins dunkle Herz Afrikas. In Zukunft reizen ihn mehr fiktionale als realistische Stoffe.
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"Schlafkrankheit": Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Afrika - und gehört doch nirgendwo hin... (Foto: Farbfilm (24 Bilder))
"Schlafkrankheit": Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Afrika - und gehört doch nirgendwo hin... (Foto: Farbfilm (24 Bilder))
Ist "Schlafkrankheit" eine Reminiszenz an Ihre Kindheit in Afrika?
ULRICH KÖHLER: Am liebsten hätte ich "Schlafkrankheit" in Kongo, dem früheren Zaire gedreht, zu dem ich einen starken emotionalen Bezug habe. Ich war dort auf Recherchereise, hatte schon nach zwei Stunden eine Kalaschnikow vor dem Bauch - nicht die ideale Voraussetzung als Drehort.
Der Zuschauer könnte irritiert sein, dass Sie die Perspektive verändern.
Ich denke nicht strategisch übers Publikum nach, sondern versuche, Filme zu machen, die auch mich ansprechen würden. Die Idee war, dass wir eine Figur kennenlernen, sie verlieren und mit einer Außenperspektive wiedersehen. Auch in "Montag kommen die Fenster" gab es einen Perspektivenwechsel, das ist etwas, was mich interessiert.
Der Film zählte noch zur "Berliner Schule". Hat die noch einen Einfluss auf Sie?
Die "Berliner Schule" ist ein Konstrukt der Presse. Ich habe in Hamburg visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste mit Henner Winckler und meinem Kameramann Patrick Orth studiert. Einige Journalisten glauben, ich hätte extra ein internationales Thema gewählt, um mich davon zu entfernen. Das stimmt nicht. Den Stoff habe ich zur gleichen Zeit wie "Bungalow" entwickelt. Für mich ist "Schlafkrankheit" der Film, den ich jetzt machen wollte. Damals fühlte ich mich noch nicht reif dazu.
Das Ganze war auch jetzt ein großes Abenteuer.
Inwiefern?
Für das komplexe Drehbuch mit 47 Sprechrollen und vielen Drehorten war die Vorbereitungszeit kurz, die Regenzeit setzte früher ein, das Team platzte aus den Nähten, es gab logistische Probleme, Kamerun verfügt über keine filmische Infrastruktur. Aber es war der Ort, wo ich drehen wollte. Sehr stressig war das Casting. Die afrikanischen Darsteller stammen alle aus dem Land. Den Jagdführer etwa haben wir um 23 Uhr gefunden und am nächsten Morgen um sieben stand er vor der Kamera. Wir haben in dem Krankenhaus gedreht, in dem meine Eltern in den 1990er Jahren arbeiteten. Das Wohnhaus für das Team mussten wir erst aufbauen, anfangs fehlte fließend Wasser. Überraschenderweise hat dann doch alles gut funktioniert, auch die Zusammenarbeit mit dem Kameruner Team, das tolle Ideen einbrachte.
Waren die Förderer bei dieser überwiegend deutschen Produktion schnell im Boot?
Der Stoff an sich war attraktiv, Afrika stand im Fokus wegen der Fußball-WM und in Belgien lief eine viel beachtete große Kongo-Ausstellung, dennoch dauerte es einige Zeit. Den französischen Koproduzenten Sebastien Lemercier kenne ich schon sehr lange. Durch Hauptdarsteller Pierre Bokma und Cutterin Katharina Wartena kam Geld auch aus den Niederlanden.
Welche filmischen Herausforderungen locken Sie demnächst?
Nach dem anstrengenden Dreh wollte ich erst gar keinen Film mehr machen. Jetzt spüre ich wieder Lust und könnte mir vorstellen, mehr fiktional und weniger realistisch zu arbeiten. Meine Biografie ist ausgebeutet. Es gibt aber ein oder zwei Romane, die mich interessieren.