
Modeschöpfer Tom Ford überzeugt mit seinem stilisierten Regiedebüt über einen alternden schwulen Professor, der den Tod seines jungen Geliebten nicht verwinden kann.
Auf den ersten Blick wirken die Bilder wie aus einem Lifestyle-Katalog, kühl und arrangiert, aber unter der glatten Oberfläche brodeln Emotionen. Ex-Gucci-Designer Tom Ford überrascht mit einem bewegenden Melodram angesiedelt im Los Angeles 1962, das vor allem aus Colin Firth' außergewöhnlicher Performance als schwuler Literaturprofessor seine Kraft zieht. Die Coppa Volpi als Bester Darsteller sollte nur Auftakt für eine Reihe von Auszeichnungen sein, Oscar-Nominierung inklusive.
Der rhetorisch überragende Brite George Falconer gibt sich im College unnahbar, seine Homosexualität ist kein Thema, bei Kollegen und Studenten gilt er als Autorität. Mit minimalen Mitteln entwickelt Firth seine Figur, die nach dem tödlichen Autounfall des geliebten Partners innerlich in Trauer versinkt und den einzigen Ausweg in Suizid sieht. Bis aufs kleinste Detail wird das Prozedere "danach" vorbereitet, sogar der Hinweis auf den gewünschten "Windsor-Knoten" und das Geld für die Haushälterin darf nicht fehlen.
Nach dem Roman von Christopher Isherwood setzt sich Ford auf die Spuren des 52-jährigen Wissenschaftlers an seinem letzten Tag - routinierte Uni-Vorlesung, Aufräumen des Schreibtischs, politische Diskussionen, Plaudereien mit den Nachbarn, folgenlose Begegnung mit einem gut aussehenden Stricher auf dem Supermarktparkplatz, Dinner und Whisky-Besäufnis mit seiner alten Freundin (Julianne Moore), gemeinsame Erinnerungen. Während sie die Contenance verliert und trotz seiner bekannten sexuellen Neigungen bedauert, dass er nie ein normales Eheleben mit ihr führen wollte, wirkt er trotz seelischer Verletzungen fest wie ein Fels in der Brandung, versteckt seine Verzweiflung und Einsamkeit hinter der intellektuellen Fassade, versucht das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Gefühl zu halten, eine Seele im Gefrierzustand. Wenn diese Starre ein junger Student ins Wanken bringt und den Geschmack des Älteren am Leben neu erweckt, flackert für einen kurzen Moment Hoffnung auf.
Stilisierung und Ästhetisierung unterstreichen in diesem sanften Porträt die Verlorenheit eines Menschen ohne Erdung, der aus Angst vor Nähe Distanz aufbaut. Eine aus eigenen Erfahrungen gespeiste und sehr persönliche Reflexion über spirituelle Krise, Schattenseiten von materiellem und beruflichem Erfolg und die damit einhergehende psychische Zerrissenheit und Leere des "Single Man". Was bleibt ist Traurigkeit. mk.