
Mit einer fulminant aufspielenden Nina Hoss als Berlinerin mit Überlebenswillen geht das Drama nach den Tagebuchaufzeichnungen einer anonymen Autorin eines der letzten großen Tabus des Zweiten Weltkriegs an, die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch russische Soldaten.
Es gibt keine zuverlässigen Quellen, wie viele Frauen in den letzten Kriegswochen vergewaltigt wurden, Schätzungen bewegen sich zwischen einer und zwei Millionen. Die Opfer schwiegen aus Scham über die Schändung, verdrängten das erlebte Grauen und machten sich an den Wiederaufbau. Anpackende Trümmerfrauen passten besser ins Bild der deutschen Frau als die sexuelle Beute von Siegern, die in ihrer Not Überlebensstrategien entwickelten. Unter dem Titel "Eine Frau in Berlin" erschienen die Tagebuchaufzeichnungen der "Anonyma" von April bis Juni 1945 erstmals 1954 in New York, Ende der 1950er Jahre dann in Deutschland, erst die Neuauflage 2003 sorgte durch Ungeheuerlichkeit und literarische Qualität für Aufsehen. Max Färberböck ("Aimée und Jaguar") nähert sich dem Sujet vorsichtig, manchmal zu vorsichtig.
Beim Einmarsch der Roten Armee April 1945 in Berlin kauern im Keller eines halb zerstörten Wohnhauses die Bewohner, hauptsächlich Frauen, die meisten Männer sind an der Front. Eine von ihnen ist Anonyma, Fotografin und Journalistin, gebildetes Bürgertum, Auslandsaufenthalte in London, Paris, Moskau. Wie ihre Leidensgenossinnen wird sie von Russen vergewaltigt, entscheidet sich nach dem ersten Entsetzen, kein Opfer zu sein, sich einen Wolf zu suchen, der ihre Würde schützt, einen hohen Militär. Den Beschützer findet sie in dem melancholischen Major Andrej, einem belesenen und Klavier spielenden Feingeist. Aus Berechnung und Pragmatismus entsteht ein nicht zu ortendes Gefühl. "Liebe ist nicht mehr das, was es war" definiert Anonyma die kurzen Momente von Menschlichkeit und Zuneigung inmitten der unmenschlichen Katastrophe.
Färberböcks sehr gut ausgestattetes Drama erzählt vom Urinstinkt sich zu wehren, vom ultimativen Überlebenswillen und der Untauglichkeit des Regelwerks bürgerlicher Moral, ein sezierender Blick auf starke Frauen und schwache Männer, die als Wrack aus dem Krieg zurückkehren. Dabei bildet das Haus einen Mikrokosmos, in dem trotz aller Angst auch Galgenhumor herrscht, wenn Sieger und Besiegte die Befreiung gemeinsam feiern oder auf die lapidare Frage "Wie oft?" Anonymas Freundin Juliane Köhler nur die Zahl der Vergewaltigungen nennt oder "Witwe" Irm Hermann mit Argusaugen versucht, ihren Mahagonitisch vor Kratzern zu bewahren. Kleinigkeiten geben Halt in einer haltlosen Zeit. Nina Hoss in ihrer Kälte und Schonungslosigkeit lässt die in die Seele gemeißelten Wunden ahnen und im Mut der Verzweiflung auch Verletzbarkeit durchschimmern. Die Distanz als "Chronistin", die ihre Erfahrungen aufschreibt, funktioniert im Labyrinth des Schmerzes wie Therapie. Dem Film gelingt eine Gratwanderung, er zeigt Brutalität und Bestialität der Russen (ca. 2000 russische Komparsen waren am Set), zeichnet sie aber nicht nur als Mörder und Schänder, sondern in ihrer Erbärmlichkeit und Widersprüchlichkeit. Die mutige Verfilmung des historischen Dokuments macht dem langen Schweigen ein längst überfälliges Ende. mk.