
Gegen den paranoiden Insektenwahn, in den Ashley Judd von einem schizophrenen Fremden gezogen wird, hilft in William Friedkins brillanter Psycho-Tour-de-Force kein Kammerjäger mehr.
Als drogenaffine Kellnerin Agnes läuft Ashley Judd zu beklemmender Höchstform auf, wenn sie bei ihrer resoluten Kollegin R.C. (Lynn Collins) freundschaftlich-lesbische Geborgenheit sucht, die ihr der frisch aus dem Knast entlassene Ex-Mann Jerry (Harry Connick Jr. als massive Bedrohung) wieder aus dem Leib prügelt. Vollkommene Glaubwürdigkeit und subtiles Gespür für die Figuren und ihre Lebenswelt beweist Regie-Veteran Friedkin von Beginn an. Auch sonst fällt das von Tracy Letts nach eigenem Bühnenstück verfasste, kammerspielartige Psychogramm, das unbeirrt auf ein Schockende zurast, reichlich aus dem Rahmen gewohnter Kost. Zu authentisch die Emotionen und die Charaktere, zu intensiv und pathologisch die Geistesstörungen, als dass man sie als Ausgeburt eines Drehbuchs eingrenzen könnte.
Leise beginnt der verstörende Trip, der fast nur in Agnes' schäbiger Motel-Bleibe spielt - zunächst mit zurückhaltenden Akteuren, etwas Telefon-Stalking hier, ein verdächtiges Rotorengeräusch von Helikoptern da. Bis Agnes in ihrer Misere auf den Sonderling Peter (ebenfalls famos: Michael Shannon) stößt, der ihr Herz gewinnt, aber auch ihren Verstand raubt. Peter glaubt an eine Art "Akte X"-Super-Verschwörung der Regierung, deren nächste Auswirkungen imaginäre Käfer sind, die er überall in seiner Nähe entdeckt. Die anfängliche Manie für die Tierchen, angeblich Ergebnisse geheimer Militärexperimente, erweist sich bald als krankhafte Wahnvorstellung, welche die labile Agnes nach und nach übernimmt. Im mit Insektenfallen gepflasterten Zimmer entgleitet sie der Realität und Freundin R.C., verschanzt sich vor den fremden Parasiten, die sie und Peter im eigenen Körper wähnen, im mit Alufolie ausstaffierten Interieur. Unbeugsam steigert sich Friedkin mit diesem cineastischen Befreiungsschlag ganz ohne Plotpoints und dramatischen Wendungen zu einem furiosen Crescendo, das mit erschütternder Selbstverstümmelung und unerwartet krassen Gewalttaten endet und konsternierte Zuschauer zurücklassen wird - aber zugleich mit einem irren Method-Acting-Spektakel und einem selten so konsequenten Abstieg in die Abgründe der menschlichen Psyche begeistert. New Hollywood im "Saw"-Zeitalter. tk.