
Schluss mit lustig heißt's bei Woody Allens Opus Nummer 38, in dem er sich recht stilsicher auf Neo-Noir-Territorium begibt.
Zwei Dinge haben im Filmgeschäft Bestand: die alljährliche Oscar-Verleihung und das neue Werk von Woody Allen. Zum Lachen und Nachdenken hat er uns mit Klassikern wie "Der Stadtneurotiker" und "Manhattan" gebracht, mit den Introspektionen "September" und "Innenleben" seinem Vorbild Ingmar Bergman Tribut gezollt und zuletzt mit den "britischen" Arbeiten "Scoop" und "Match Point" ein neues Kapitel aufgeschlagen. Im verregneten England mit seiner rigiden Klassengesellschaft hat er sich neu erfunden, neu motiviert. Der hintersinnige Spaßmacher enthüllt seine dunkle Seite, zeigt sich in "Cassandras Traum" noir wie noch nie zuvor. Wobei es gleichzeitig um typische Allen-Themen geht, um Lust, Identität und Verbrechen - wie immer dargeboten von einem vorzüglichen Ensemble. Das führen hier Ewan McGregor und Colin Farrell an, als "Der Schöne und das Biest"-Bruderpaar, die einander sehr nahe stehen und gleichzeitig nicht unterschiedlicher sein können.
Terry (Farrell), Ex-Spieler und Ex-Trinker, arbeitet in einer Autowerkstatt, ist der gesetzte, hemdsärmelige und wortkarge Typ. Anders Ian (McGregor), Frauenheld, Blender und rechte Hand des Papas im Familienrestaurant. Sein Traum ist Kalifornien, seine Traumfrau von Beruf Schauspielerin. Angela - Hayden Atwell gefällt als braunäugige Scarlett-Johansson-Variante - heißt sie und mit ihr will er als Leiter eines Luxus-Resorts in Saus und Braus leben.
Schon die Exposition verrät: Das kann nicht gut gehen. Mit der ihm typischen Effizienz führt Drehbuchautor Allen seine beiden Helden ein. Zeigt wie sie miteinander umgehen, sich verstehen und ergänzen. Gemeinsam kaufen sie sich eine edle Holzyacht - der die selbe Bedeutung zukommen wird wie einst der bei René Cléments "Nur die Sonne war Zeuge" -, gemeinsam unternehmen sie mit ihren Damen launige Segeltörns.
Doch die Idylle währt nur kurz. Weil Angela sich als intrigante Goldgräberin entpuppt und der spendable Onkel Howard - Tom Wilkinson ("In the Bedroom") gibt robust-charmant einen in die enge getriebenen Jet-Setter - erstmals um einen Gefallen bittet. Einen großen, höchst illegalen Gefallen. Mehr Schein als Sein, nach diesem Motto wird hier stets und allerorten operiert. Das Leben ist ein Traum und die drohenden Rufe der Cassandra werden dabei geflissentlich ignoriert. Was als Charade beginnt, entwickelt sich immer mehr zum verzwickten, Haken schlagenden Krimi, den Philip Glass' ("Kundun") gewohnt minimalistischer Score perfekt untermalt. Mit viel Lust verbeißen sich Farrell und McGregor in ihre fleischigen Parts, derweil der Kameraveteran Vilmos Zsigmond ("Black Dahlia") seine Bilder in erdigen, gedeckten Farben und Tönen hält. Und das verheißt bekanntlich nichts Gutes. geh.