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City of God

Triumphales und atemberaubend wahrhaftiges Meisterwerk über das brutale und selbstzerstörerische Jugendbandenwesen in den Favelas von Rio de Janeiro.


City of God

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Erhältlich seit:
05.12.2006

Originaltitel: Cidade de Deus

Action/ Drama

Brasilien 2002
Laufzeit: 128 Min.
FSK: ab 16

Luis Otávio
Alexandre Rodrigues
Douglas Silva

Regie: Fernando Meirelles, ...
Highlight Communications (Deutschland)

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Grandioses Gangsterepos über Armut und Drogen, Ehrgeiz und Gewalt aus der Perspektive derer, die sie täglich erleben.

Buscapé hält den Favela-Alltag in seinen Bildern fest (Foto: Constantin) Großansicht

Buscapé hält den Favela-Alltag in seinen Bildern fest (Foto: Constantin)

Polizisten, die sich durch Korruption bereichern, Achtjährige, die mit gezogener Pistole Erwachsene ausrauben, Halbwüchsige, die sich am hellichten Tage gegenseitig massakrieren - von solchen Dingen hat man gehört. Aber entspricht die Zustandsbeschreibung vom Leben in den Favelas, jenen heruntergekommenen Hüttensiedlungen in den Vororten von Rio de Janeiro, wirklich der Realität? Natürlich nicht. Denn tatsächlich geht es dort noch viel schlimmer zu.

Den Beweis liefert Fernando Meirelles' "City of God", ein faszinierendes und zugleich erschreckendes, virtuos inszeniertes und nachdenklich stimmendes Meisterwerk, das auf dem gleichnamigen Roman von Paulo Lins basiert, der hier seine Erfahrungen in den Favelas auf geniale Weise zu Papier gebracht hat.

"Locke" mit Lieblingsspielzeug (Foto: Constantin) Großansicht

"Locke" mit Lieblingsspielzeug (Foto: Constantin)

Juwel mit Rohdiamanten

Der Film umspannt knapp zwei Jahrzehnte, etabliert Dutzende von Haupt- und Nebenfiguren, beschäftigt sich aber im Wesentlichen mit drei Hauptpersonen und deren Werdegang von den späten sechziger bis in die frühen achtziger Jahre: dem brutalen, rücksichtslosen Dadinho, Löckchen, später Locke genannt, der sich zu Rios meistgehasstem Drogenbaron aufschwingt, dem schüchtern-scheuen Buscapé, der Fotograf ist und so unfreiwillig zum Chronisten der Geschehnisse wird, und dem wackeren Mane Galinha, der nach der Vergewaltigung seiner Freundin nicht eher ruht, bis der verhasste Locke im eigenen Blut liegt.

Es gibt zwei entscheidende Faktoren, die diesem filmischen Juwel bisher kaum gesehene Authentizität verleihen. Die sorgfältige und adäquate Besetzung der vorwiegend von Laien ausgefüllten Rollen und die Drehorte, die nicht nur echt wirken, sondern echt sind, da an Originalschauplätzen gedreht wurde.

Wegrennen gehört für die Straßenkinder zum normalen Leben (Foto: Constantin) Großansicht

Wegrennen gehört für die Straßenkinder zum normalen Leben (Foto: Constantin)

Reine Ästhetik

Darüber hinaus versteht es Meirelles blendend, mit seinen betörenden Bildkompositionen eine großartige Ästhetik zu entwickeln, ohne dabei die Aussagekraft seiner Story zu verwässern. Allein die Erzählstruktur, die zwischen Flashbacks und Nebenhandlungen wechselt, dabei aber nie verwirrt, sondern immer im Dienste der ganzen Geschichte steht, wäre einen (Auslands-)Oscar wert gewesen - hätte das Produktionsland Brasilien das Werk überhaupt nominiert!

Auch die deutsche Fassung kann ein echtes Highlight vorweisen: HipHop-Poet Xavier Naidoo outet sich als einfühlsame Synchronstimme des traurigen "City of God"-Helden Buscapé.

City of God

All die Wunderdinge, die seit der Weltpremiere in Cannes 2002 über Fernando Meirelles' mit Hilfe von Katja Lund inszenierten Meisterwerk geschrieben wurden, jeder Superlativ, jede Eloge, jede begeisterte Äußerung, entsprechen der Wahrheit. Die Verfilmung von Paulo Lins' 700-seitigem, über mehr als 300 handelnde Personen verfügende und sich über 30 Jahre erstreckende Roman über das Jugendbandenwesen in den Favelas, den Armenvorstädten von Rio de Janeiro hat die Energie und Wahrhaftigkeit von Scorseses "GoodFellas" und die Respektlosigkeit und Freiheit im Umgang mit Erzählstruktur eines "Pulp Fiction", ohne auch nur ein Frame wie eine Kopie zu wirken. "City of God", zum Bersten gefüllt mit wilden erzählerischen Hakenschlägen, furiosen Einfällen und brasilianischem Funk, ist originell, elektrisierend, im wahrsten Sinne atemberaubend und - natürlich - ein Triumph auf ganzer Linie.

Alles beginnt mit einem einigermaßen zerrupften Huhn. Verfolgt durch die Straßen von ein paar Jugendlichen gerät es schließlich zwischen die Fronten eines Straßenkrieges zwischen Gangs und Polizei. Wie so oft in diesem Film wird die Szenerie angehalten: Um zu erklären, wie es zu dieser prekären Situation kommen konnte, spult Mereilles eben mal zweieinhalb Jahrzehnte zurück, um nach aufregenden und explosiven zweieinhalb Stunden wieder bei diesem Bild anzukommen. Auf dem Weg wird in einem wahren Parforceritt die Geschichte der Gangs in den Slums von Rio de Janeiro absolut erschöpfend erzählt: von den bescheidenen Anfängen in den sechziger Jahren über die auch in der Wahl der Waffen und Drogen zunehmend härter werdenden Siebziger, in denen die Bandenkriege ausufern, bis hin zu den Eighties, in denen das Imperium zu bröckeln und die Selbstzerfleischung einzusetzen beginnt. All das wäre nicht unbedingt neu im Kino, aber gerade wie sich "City of God" dieser altbekannten "Scarface"-Thematik annimmt, macht ihn so überwältigend: Die Örtlichkeiten sind fremder und wirken gefährlicher, die Protagonisten sind jünger... und ein Leben noch billiger, wenn verwahrloste Jungens, die nicht älter als zehn Jahre alt sein können, nur mit Badehosen bekleidet mit fetten Revolvern hantieren. Gewalt ist allgegenwärtig in der Stadt Gottes, die unschwer als Hölle erkennbar ist. Aber sie ist niemals Selbstzweck, sondern hat immer Konsequenzen, ist immer schockierend und abstoßend, auch wenn sich diejenigen, die die Gewalt ausüben, daran ergötzen mögen.

Drei Kids stehen im Mittelpunkt dieses verschlungenen Stop-and-Go-Survivaltrips, der den Fuß stets auf dem Gaspedal zu haben scheint, sich aber doch genügend Zeit nimmt, seine Figuren ganz präzise zu zeichnen: Off-Erzähler Rocket, der der Gewalt abschwört und nur mit seiner Kamera schießt; Gangsterchef Benny, der geachtet wird, weil er Konflikte auch ohne den Einsatz von Waffen löst, und sich für ein Leben jenseits der Favelas begeistert; und Bennys Partner Lil' Dice, ein lupenreiner Psychopath, der seine Allmachtsgefühle willkürlich auslebt, auch wenn sie für andere den Tod bedeuten. Zu ihnen gesellen sich etwa 100 weitere Figuren, allesamt dargestellt von Laiendarstellern, die großteils selbst aus Elendsvierteln stammen. Meirelles nimmt sich ihrer Geschichten, Schicksale und Anekdoten mit einer Lust am Erzählen und Zeigen an, wie man es nur ganz selten erlebt. Er geht irrwitzige Umwege, hält die Erzählung schon einmal an, wenn eine neue Person einen Raum betritt, um dann sie in den Mittelpunkt einer Rückblende zu stellen, bis man wieder - diesmal aus anderer Perspektive - in besagtem Raum landet und die Situation damit mit ganz anderen Augen erlebt. Jumpcuts, Reißschwenks, Shuttertechnik, Beschleunigung, Verlangsamung - der einstige Werbefilmer bedient sich des gesamten Filmvokabulars der MTV-Generation, aber im Dienste des reinsten, pursten Kinos, das gleichzeitig fasziniert und sofort zur Auseinandersetzung zwingt, weil es hier keine Vorverurteilungen der Figuren gibt. Den Rhythmus gibt dabei ein brodelnder Cocktail aus Samba, Bossa und Funk (z.B. von Größen wie Tim Maia und Copa 7) vor, der ebenso hitzig und emotional ist wie der gesamte Film, der so authentisch wirkt, weil er so brillant inszeniert ist. ts.

Darsteller:  Luis Otávio   als Buscapé (als Kind)
  Alexandre Rodrigues   als Buscapé
  Douglas Silva   als Dadinho
  Leandro Firmino da Hora   als Zé Pequeño
  Phellipe Haagensen   als Bene
  Matheus Nachtergaele   als Sandro Cenoura
  Seu Jorge   als Manu Galinha
  Jonathan Haagensen   als Cabeleira
  Renato de Souza   als Marreco
  Jefechander Suplino   als Alicate
  Roberta Rodriguez Silvia   als Bérénice
  Daniel Zettel   als Tiago
  Darlan Cunha   als Junge mit Fritten
  Alice Braga   als Angélica
  Mauricio Marques   als Cabecao
  Gero Camilo   als Paraíba
  Edson Montenegro   als Buscapés Vater
  Graziella Moretto   als Marina Cintra
  Gustavo Engracia   als Rogério Reis
 
Regie:  Fernando Meirelles  
  Katia Lund  
Buch:  Braulio Mantovani  
Musik:  Antonio Pinto  
  Ed Cortes  
Kamera:  César Charlone  
Produzent:  Andrea Barata Ribeiro  
  Mauricio Andrade Ramos  
 

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