
Eindringliches Drama über eine junge Frau, die nach der Geburt des Wunschkindes an einem postnatalen Trauma leidet.
Mütter lieben ihre Kinder, schließen sie nach der Geburt in die Arme und lächeln versonnen glücklich. Eine irrige Annahme, es gibt genug Fälle, in denen Frauen plötzlich das Baby nicht annehmen, ohne erklärlichen Grund sich abwenden und eine Aversion gegen das Neugeborene entwickeln. Ein Tabuthema, das Emily Atef mutig aufgreift, wenn sie von Rebecca und Julian, beide in den Dreißigern erzählt, die sich auf das erste Kind freuen. Doch nach der Niederkunft der Schock: Der gesunde Junge macht der jungen Frau Angst, ist ihr fremd. Das Mutterbild als Idealbild hängt wie ein Damoklesschwert über ihr, immer mehr versinkt sie in Verzweiflung und Hilflosigkeit, kann sich selbst dem Partner nicht mitteilen, vertraut sich nach einem Zusammenbruch nur der eigenen Mutter an, was sie die eigenen Bindungsdefizite nur noch schwerer spüren lässt.
Regisseurin und Koautorin Atef, die schon mit ihrem preisgekrönten Erstlingswerk "Molly's Way" sensible weibliche Figurenzeichnung bewies, schildert einfühlsam die gefährdete Beziehung zwischen den jungen Eltern, die Isolation von Rebecca, die sich schuldig fühlt und befürchtet, den Säugling beim Bade gar umzubringen. Dabei ist sie kein Einzelfall, in Deutschland sollen 80000 Frauen jährlich an einer postnatalen Depression erkranken. Nur, und das arbeitet der Film sehr stark heraus, glauben die Betroffenen aufgrund der gesellschaftlichen Normen nicht an eine Krankheit, sondern empfinden das Gefühl, nicht lieben zu können, als rein persönliches Versagen. In Grau-Tönen und in manchmal von der Handkamera verwaschenen Bildern zeigt sich Susanne Wolff (Förderpreis Deutscher Film für "Die Fremde in mir" und "Die Glücklichen") der diffizilen Rolle gewachsen, hält anfänglich das Baby mit gespreizten Händen und in Starre gemeißeltem Gesichtsausdruck von sich weg wie eine lästige Puppe, nur ihre Augen verraten diffuse, vor allem unsichere Gefühle. Eine Seele in vereister Zone. Wenn sie nach der Therapie langsam beginnt, sich zu verorten, den Kleinen mit zarter und noch tastender Geste an sich zu schmiegen und versucht, sich dem unbekannten Wesen zu öffnen und auch zu Julian zurückzufinden, ist die Verwandlung in der befreiten Körpersprache zu lesen. "Das Fremde in mir" ist kein perfekter Film, die erste Hälfte weist einige Längen auf, aber ein sehr berührender und überzeugt letztendlich durch Intensität, den zaghaften Wunsch zum Glück. mk.