
Vom Leben am Boden und der Sehnsucht, endlich auch einmal zu schweben erzählt dieses in mancher Hinsicht ungewöhnliche Hollywooddrama: es hat einen italienischen Regisseur, ein echtes Vater-Sohn-Duo als Mittelpunkt und die richtige Mischung aus Wirklichkeit und Wunder.
"Inspiriert von einer wahren Geschichte" - ein solches über die Credits gelegtes Entree bedeutet in der Traumfabrik häufig, dass man starke Stories bis auf den Kern skelettiert und dann mit eigenen Zusätzen für den Großmarkt konsumierbar macht. Auch "Das Streben nach Glück" folgt dem Aufstieg des Brokers Chris Gardner nicht minutiös. Doch viele zentrale Eckpunkte sind erhalten, viele Eingriffe verständlich und manche Auslassungen sinnvoll, weil selbst die Wahrheit mitunter zu kitschig märchenhaft wirken kann. Weil man sich auf eine harmonische Vater-Sohn-Beziehung konzentriert, bleiben Gardners traumatische mit seinem Stiefvater und andere Brutalerfahrungen, wie die Vergewaltigung durch ein Gangmitglied, ausgespart. Wichtig aber ist: der Zorn, der hinter seinem natürlichen Charme wohnt, bleibt spür- und wird in Momenten starker Verzweiflung auch sichtbar. David Conrad, Autor des ebenfalls gefühlsklimatisch gut eingestellten "Weather Man", und Regisseur Gabriele Muccino ("Ein letzter Kuss") fangen Stimmungen gut ein, ohne das volle Orchester einzusetzen. Deshalb findet man Szenen, in den Huren mit Herz dem verzweifelten Vater Geld zustecken, hier nicht, obwohl Gardner sie so erlebt hat. Und auch die Klimax, die emotionale Erlösung des Helden, ist für einen Studiofilm recht zurückhaltend. Bevor es dazu kommt, bedeutet "Das Streben nach Glück" erst einmal einen kontinuierlichen Absturz. Mit angegrauten Haaren spielt Will Smith Chris Gardner, der sich im San Francisco des Jahres 1981 mit dem Verkauf eines medizinischen Messgeräts durchschlägt. Es ist ein Leben in der Phantomzone des amerikanischen Traums - man kann seine Profiteure, die vielen scheinbar glücklichen Gesichter, sehen, bleibt aber in der eigenen bitteren Existenz gefangen. Man ist unsichtbar, wie der Obdachlose, der in der Ouvertüre des Films mitten auf der Straße schläft. Chris hat eine Frau, die dem Druck von Finanzen und enttäuschten Hoffnungen irgendwann nicht mehr standhält und die Familie verlässt - eine undankbare Rolle für Thandie Newton. Chris wird sich um den 5-jährigen Christopher (gespielt vom Smiths eigenem Sohn) jetzt allein kümmern, wird seine Mietwohnung verlieren, in der Toilette einer U-Bahnstation und im Obdachenlosenheim schlafen, wird ganz unten ankommen, aber immer den Blick nach oben behalten. Denn parallel zu diesem zermürbenden Absturz vollzieht sich der beschwerliche Aufstieg. Durch Wortgewandtheit, Beharrlichkeit, Charme und auch Intelligenz, verdeutlicht durch ein dramaturgisch gut nutzbares Bild, das Speedknacken eines Rubik Cube, gelangt er in ein begehrtes, aber unbezahltes Programm für Broker-Trainees. Während er versucht der Eine zu werden, der schließlich übernommen wird, muss er weitere Hinkelsteine, die ihm das Leben vor die Füße wirft, aus dem Weg räumen und die Fassade aufrechterhalten, damit niemand seine wahre Situation erkennt. Muccinos Film steckt voller kleiner hektischer Spannungsszenen, in denen man mitfiebert, ob Gardner dies auch gelingt. Nicht mal in "Running Man" musste die Hauptfigur rennen wie hier, wodurch auch der Zuschauer unter Strom gesetzt wird. Will Smith bewährt sich körperlich und emotional, zeigt seine reifste Leistung nach "Ali". Nicht zuletzt ihm ist das Hoch zu verdanken, das auch uns am Ende aus einem Film schweben lässt, der an die Nebenwirkungen der Reaganomics erinnert. Der Film will nicht Hubert Selby, sondern ein Märchen sein, macht aber dennoch deutlich, dass Streben und Glück nicht immer so harmonisch korrelieren. kob.