
Der österreichische Arthaus-Spezialist Michael Glawogger trifft für die Adaption von Josef Haslingers komplexem Roman die richtigen Bilder und somit den richtigen Ton.
Ein typischer Glawogger-Film ist "Das Vaterspiel" geworden. Komplexe Themen in einer komplexen Erzählstruktur, vorgetragen von erstklassigen, nicht unbedingt bekannten Schauspielern und untermalt von spärlich gesetzten, sphärischen Klängen. Aber dann ist das neue Werk des begnadeten Dokumentarfilmemachers ("Megacities", "Workingman's Death") und unkonventionellen Spielfilmregisseurs ("Slumming", "Contact High") auch wieder ganz anders, hat der gebürtige Grazer, sonst ein Freund von Originalstoffen, doch erstmals einen Roman für die Leinwand adaptiert. Und nicht irgendeinen, sondern "Das Vaterspiel" (2000) seines österreichischen Landsmannes Josef Haslinger, auf dessen Konto unter anderem auch der ebenfalls schon verfilmte "Opernball" (1995) geht. Drei Geschichten, drei Familienschicksale an drei verschiedenen Orten und zu drei unterschiedlichen Zeiten werden hier vorgetragen, was dem Zuschauer ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt. Belohnt wird er mit einem spannenden Diskurs über Schuld und Sühne, Vergebung und Verfolgung, Väter und Söhne, Liebe und Tod. Im Zentrum der junge Ratz (Helmut Köpping), der im Wien der Neunziger im Schatten seines übermächtigen Politiker-Vaters (Christian Tramitz, großartig gegen den Strich gebürstet) vor sich hinvegetiert und seit Jahren an einem besonders perfiden Egoshooter-Spiel bastelt, das einfach nicht fertig werden will. Da reißt ihn ein Anruf aus New York aus seiner Lethargie. Ex-Kommilitonin Mimi (Sabine Timoteo) bittet ihn um Hilfe. Ratz soll auf Long Island einen Keller renovieren. Was er zunächst nicht weiß: Dort hält sich ein Naziverbrecher litauischer Abstammung (Itzhak Finzi) versteckt. Und genau dieser alte Mann steht im Verdacht, 1941 den Vater von Jonas Shtrom (Ulrich Tukur) umgebracht zu haben. Was wiederum der Sohn im Jahre 1959 in einem kargen Ludwigsburger Büroraum zu Protokoll gibt.
Geschickt verwebt Glawogger die diversen Handlungsebenen zu einem großen Ganzen, nimmt sich zuweilen, wenn es die Bildsprache erfordert, auch die Freiheit, sich von Haslinger zu entfernen, bleibt aber den Kernaussagen des Buchs in jeder Hinsicht treu. So gelingt zum einen eine facettenreiche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, bei der Itzhak Finzi als unverbesserlicher NS-Scherge ohne einen Funken Reue mindestens so erschreckend ist wie Ulrich Tukurs bewegender, nur mit wenigen Schwarzweiß-Fotos unterlegter Monolog erschüttert. Zum anderen werden anhand der Figur von Ratz hochaktuelle Probleme wie Bindungsunfähigkeit, der Umgang mit gewaltverherrlichenden Computerspielen oder zerstörte Familienstrukturen analysiert, aber auch auf das moralische Dilemma hingewiesen, in dem junge Menschen stecken, wenn sie mit mutmaßlichen Meuchelmördern konfrontiert werden. Dazwischen lässt Glawogger dem Betrachter viel Zeit zum Durchatmen, zeigt zur Musik des weitgehend unbekannten Komponisten Anton Diabelli (Zeitgenosse von Haydn und Beethoven) die nächtliche New Yorker Skyline und lässt Ratz eine geradezu psychedelische Auto-Fahrt durch einen nächtlichen Schneesturm erleben, womit er auch das aufgewühlte Innenleben seines Protagonisten nach außen kehrt. "Game Over" heißt es zwar am Ende, doch dann hat dieses jede Menge Diskussionsstoff anbietende "Vaterspiel" erst richtig begonnen. lasso.