
Drama um den Zerfall einer scheinbar intakten Familie und einen Mann, der sich den Fehlern der Vergangenheit stellen muss.
Josef Bierbichler ist der filmische Außenseiter, dem Probleme wie ein Mühlstein am Halse hängen, egal ob hier in Ina Weisses Debütfilm, Caroline Links "Im Winter ein Jahr", Hans Steinbichlers "Hierankl" oder "Winterreise". Als "Der Architekt" gehört er zu jener Spezies, die möglichst niemanden an sich heranlassen, über andere - wie Frau, Kinder oder Bauarbeiter - herrschen, mit Tunnelblick durchs Leben stapfen und emotionalen Kollateralschaden in Kauf nehmen, sich durch eine Mauer aus Menschenverachtung und Egozentrik schützen.
Georg Winter fährt mit Frau und den zwei erwachsenen Kinder von Hamburg in ein entferntes Tiroler Bergdorf zur Beerdigung seiner Mutter. Ein Pflichttermin, den er schnell absolvieren will. Bei der Begegnung mit seiner Jugendfreundin und dem gemeinsamen Sohn wird der Misanthrop mit seiner Feigheit und Lebenslüge konfrontiert. Bei der Testamentseröffnung kommt es zur Enthüllung des streng gehüteten Geheimnisses. Als dann noch eine Schneelawine den Ort von der Außenwelt abschottet, es keine Fluchtmöglichkeit mehr gibt, muss sich nicht nur der Pater Familias den inneren Dämonen stellen, auch die anderen Familienmitglieder müssen die neue Situation bewältigen.
Weisse zeichnet den sukzessiven Einsturz der falschen Fassade und den Ausbruch lang schwelender Konflikte. Kameramann Carl-Friedrich Koschnick arbeitet mit langen Brennweiten auf 35mm, vermeidet Postkartenklischees und zeigt fast nie Horizont oder Berggipfel. In den weiten weißen Bildern verlieren sich die Gestalten wie kleine schwarze Punkte, ist auch visuell der psychische Druck zu spüren. Der 40-jährigen Regisseurin gelingt die einfühlsame Beschreibung von Verdrängung, Angst, Schuld und Selbstbetrug, sie interessiert sich für die Familie als Spiegelbild unserer Gesellschaft, für Macht und Ohnmacht des Individuums. Die Fernseh- und Filmschauspielerin bändigt sogar Bierbichler, der sehr zurückgenommen agiert, und legt Wert auf kleine, aber bedeutsame Gesten, die Entfaltung der Schauspieler. Allerdings misstraut sie der Kraft der Geschichte und Figuren, so muss Winter ganz symbolisch an einer Herzkrankheit leiden (und sterben), sie lässt der Fantasie und Interpretation keinen Raum, setzt auf Direktheit, wenn der massige Mann am Ende neben der Straße die zum Dorf führt, zusammenbricht. Unklar bleibt der Ersatz des treffenderen Arbeitstitels "Rigor Mortis" (für die todesähnliche Seelenstarre) durch den beliebigen Titel "Der Architekt". mk.