
Die mit "Mystic River" begonnene Renaissance hält an. Mit seiner 28. Regiearbeit fügt Clint Eastwood seinem Alterswerk einen weiteren Meilenstein hinzu.
Man kann "Changeling" als thematisches Komplementärwerk zu "Mystic River" verstehen - in beiden Filmen sind verschwundene Kinder Auslöser für eine komplexe Abfolge von Ereignissen - oder als ambitionierter Thriller, der mit seinem Versuch, die Schattenseiten der Stadt der Engel zu offenbaren, inhaltlich und stilistisch in einer Ahnenreihe mit "Chinatown" und "L.A. Confidential" steht. Wie auch immer: Die Verfilmung eines wahren Falls, der Ende der Dreißigerjahre die Justiz Kaliforniens in ihren Grundfesten erschütterte, ist ein weiteres Meisterwerk von Clint Eastwood, der es mittlerweile fast blind beherrscht, seinem betörend gradlinigen Kino auf Augenhöhe eine Komplexität und Vielschichtigkeit zu verleihen, die ein Publikum gleichermaßen fesselt und fordert. Die Geschichte einer alleinstehenden Mutter, deren neunjähriger Sohn spurlos verschwindet, bis ihr von der Polizei von Los Angeles fünf Monate später ein anderer Junge als ihr Sprössling präsentiert wird, verfehlt ihre intendierte Wirkung nicht. Während die Mutter bei den Behörden mit ihrer fortgesetzten Suche nach dem richtigen Sohn auf Granit beißt und schließlich sogar in die Psychiatrie eingeliefert wird, um den Ruf der überforderten Polizei nicht weiter zu gefährden, deckt ein Beamter zufällig außerhalb der Metropole das Werk eines Serienmörders auf, der 20 Kinder auf dem Gewissen hat.
Kunstvoll lässt Eastwood die beiden Handlungsstränge zunächst völlig unbeteiligt nebeneinander herlaufen, um sie danach zwingend zusammenzuführen. Er lässt keinen Zweifel über seine Empörung über den Behördenskandal aufkommen, ist aber gleichzeitig clever genug, immer das nötige Quentchen Ambivalenz beizubehalten: Schließlich schält sich aus dem kunstvollen Gefüge aus Thriller und Sozialkritik eine regelrechte Odyssee heraus: Die Suche einer Frau nach Gewissheit, nach Wahrheit. In der ihm eigenen entspannten Art als Filmemacher gibt Eastwood dabei Angelina Jolie mit der Rolle der Christine Collins, die aller anders lautender Hinweise zum Trotz die Suche nach ihrem Sohn nie aufgab, die Bühne für einen ihrer besten Auftritte. Wie immer bei Eastwood erhält sie Unterstützung von einer ganzen Phalanx von brillanten Kollegen, allen voran John Malkovich als Prediger wider die Korruption in Los Angeles und der beeindruckende Jeffrey Donovan als abgebrühter Captain JJ Jones, dem das Ansehen der Polizei allemal wichtiger ist als die Wahrheit. Sieht man von der etwas überzogenen Episode in der Psychiatrie ab, stimmen hier auch stets Look und Feel des Gezeigten: So überzeugend wurde das Los Angeles von einst lange nicht mehr evoziert, auch wenn es sich in den Händen von Eastwood als pures Hollywood Babylon erweist. ts.