
Für sein Regiedebüt hat sich John Malkovich kein leichtes Thema, sondern einen explosiven Stoff vorgeknöpft. Die Verfilmung von Nicholas Shakespeares gleichnamigen Roman über die erbitterte Jagd nach dem Kopf der peruanischen Guerilla-Gruppe "Leuchtender Pfad" ist eine politisch und psychologisch spannende Auseinandersetzung mit Gewalt und Terror in einem südamerikanischen Land. Und gleichzeitig eine gefühlvolle Love-Story. Javier Bardem brilliert als Polizeiagent hin- und hergerissen zwischen Staatsloyalität und Liebe.
John Malkovich soll von Nicholas Shakespeares Roman so begeistert gewesen sein, dass er noch die Filmrechte kaufte, bevor er es zu Ende gelesen hatte und dem Autor anbot, auch das Drehbuch zu schreiben. Bis zur Fertigstellung dauerte es dann doch fünf Jahre. Fünf Jahre, die sich gelohnt haben. "Der Obrist und die Tänzerin" ist ein Polit-Thriller erster Güte. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Hauptstadt-Polizist Augustin Rejas, der seinen Anwaltsjob wegen permanenter Korruption an den Nagel gehängt hat und glaubt, in der neuen Position unangefochten der Gerechtigkeit dienen zu können. Weit gefehlt, wie sich herausstellt. Denn der Guerilla-Aufstand beschränkt sich nicht mehr auf die Provinz, auch in der Stadt häufen sich Sabotageakte, Attentate und Hinrichtungen. An Laternenmasten hängen tote Hunde ein Schild mit der Aufschrift "Lang lebe Präsident Ezequiel" um den Hals, eine Parole, die bei jedem neuen Terroranschlag auftaucht. Rejas steht unter Druck. Wenn er nicht den skrupellosen Regime-Gegner aufspürt, besteht die Gefahr der Machtübernahme durch das Militär, das brutal zurückschlägt. Nicht nur gegen Terroristen, sondern auch gegen das eigene Volk. In dieser gespannten Situation bahnt sich eine Romanze mit der Tanzlehrerin seiner Tochter an. Doch Liebe hat in Zeiten des gesellschaftlichen Chaos keine Chance. Schon mal gar nicht, wenn die Tanzschule als Tarnung terroristischer Aktivitäten dient. Zwar spielt die Geschichte in einem fiktiven Land, aber Assoziationen zur peruanischen Terrororganisation "Leuchtender Pfad" und dessen Gründer Abimael Guzman liegen auf der Hand. Malkovich zeigt drastisch einen Kampf ohne Pardon - da wird der Innenminister mit seiner Frau auf der Theater-Bühne umgebracht, knallen nette Mädchen in Schuluniform einen General auf offener Straße ab, schmuggelt selbst ein Fotomodell Waffen. Ezequiel und seine Bande blamiert den Staat bis auf die Knochen und der rächt sich gnadenlos durch seine Geheimpolizei. Kollateralschaden inklusive. Fast physisch ist die drückende Atmosphäre von Gewalt und Gegengewalt, Terror und Gegenterror, die Spirale der Angst und Hoffnungslosigkeit zu spüren, auch die Ursachen des Übels werden klar dargestellt. Am Ende lässt Malkovich (der wie Hitchcock sich einen kleinen Auftritt vorbehält) ein Stückchen Sentimentalität zu, einen Augenblick des Selbstzweifelns, einen Moment des Durchatmens. Seine Referenz erweist er auch Costa-Gavras und dessen Meisterwerk "Der unsichtbare Aufstand", aufgezeichnet auf einem Beweis-Video, das Rejas in die Hände fällt. Zwar drehte Malkovich in englisch, aber die Hauptrollen besetzte er mit einem großartigen Javier Bardem als Polizei-Agent und Juan Diego Botto als dessen jungen Kollegen in der Anti-Terror-Gruppe, mit Laura Morante als verführerischer Frau mit einer Aura der Wehmut. Damit ging der Neu-Regisseur entgegen allen Ratschlägen, Hollywood-Schauspieler zu nehmen, bewusst ein Risiko ein, das ihm hoffentlich nicht an der Kinokasse schadet. mk.