
Nach Jane Austen scheint ein anderer Klassiker der angloamerikanischen Literatur in Hollywood sehr gefragt zu sein, Henry James. Den Reigen der James-Adaptionen, den Jane Campion letztes Jahr mit "Portrait of a Lady" eröffnete, setzt Agnieszka Holland mit "Washington Square" fort. Im Sommer folgt Ian Softleys "Flügel der Taube". Hollands Adaption besticht durch Werktreue, Atmosphäre und hervorragende Darsteller.
Seit die polnische Regisseurin Agnieszka Holland überwiegend im westlichen Europa und den USA Filme macht, fällt die eklektische Wahl ihrer Themen ins Auge. Von den politisch motivierten Filmen "Der Priestermord" und "Hitlerjunge Salomon" über das Fantasy-Märchen "Der geheime Garten" bis hin zur Poeten-Hommage "Total Eclipse" zieht sich ein Thema wie ein roter Faden durch ihr Werk, die Suche nach eigener Identität und persönlicher Freiheit. Und so ist es folgerichtig, daß Holland ihr Lieblings-Sujet mit "Washington Square" ein weiteres Mal kunstvoll variiert. Henry James' Charakter- und Milieustudie ist durch ihren melodramatischen Impetus und ihre analytische Schärfe ein höchst wirkungsvolles Psycho-Drama. Kein Wunder, daß der Roman bereits als Theaterstück am Broadway und in der William-Wyler-Verfilmung "The Heiress" für Furore sorgte. Im Gegensatz zu Wyler interessiert sich Holland mehr für "die emotionale und emanzipatorische Motivation" ihrer Protagonistin Catherine Sloper und deren "dynamische Entwicklung und wie sie mit der Zeit ihre Selbstzweifel und Unsicherheiten überwindet, um zu einer selbstbewußten Persönlichkeit heranzureifen". Der Plot dieses imposanten period piece ist die fatale Konfrontation des geistig souveränen , aber gefühlskalten Dr. Sloper (hervorragend von Albert Finney verkörpert) und seiner linkischen, gefühlsstarken Tochter Catherine (beeindruckend wie immer Jennifer Jason-Leigh). Als sich Catherine in den charmanten, aber mittellosen Morris Townsend (Ben Chaplin) verliebt, wittert der Vater einen Mitgiftjäger. Erfolglos versucht er, seine Tochter von dieser unseligen Heirat abzubringen. Aber Catherine läßt sich nicht beirren. Der Preis für ihren Eigensinn ist hoch: ihr Vater enterbt sie und Morris erweist sich Catherines bedingungsloser Liebe nicht würdig. Was Catherine nach dem Desaster bleibt, ist ihre Selbstachtung und ein altjüngferliches Leben. Der trotz seines niedrigen Budgets (13 Mio. Dollar) visuell bestechende Film kann, bei geschickter Verleihpolitik, mit den für die kommerzielle Auswertung so wichtigen long legs rechnen. Abgesehen davon ist dieser bis dato besten Arbeit von Agnieszka Holland ein empfindsames Publikum zu wünschen. ull.