
Julie Delpy ("2 Tage Paris") erzählt die Geschichte der Blutgräfin Bathory unter femininen Vorzeichen und zeigt sie als Opfer von Männerintrigen und Schönheitswahn.
Was den Rumänen Graf Dracula, ist den Ungarn Erzsébet Báthory (1560-1814), die als Blutgräfin in die Geschichte einging: Um ihre Schönheit zu erhalten, ermordete sie angeblich Hunderte Jungfrauen und badete in ihrem Blut. Einen gewagten Ansatz verfolgt nun die seit Kurzem ins Regiefach gewechselte Französin Julie Delpy ("Before Sunrise"), die mit "Die Gräfin" das glatte Gegenteil ihrer Romantikkomödie "2 Tage Paris" vorlegt. Sie dichtet den Mythos unter weiblichen Aspekten als historisches Kostümdrama mit Hang zum Splatter um. Dabei interpretiert sie die Realität nicht anders als die diffamierenden Legenden sehr frei.
Das mit namhafter Besetzung versehene Autorendrama ist mit Anrüchigem aufgeladen und missachtet Geschmacksgrenzen souverän. Delpy, die auch das Drehbuch schrieb, die Hauptrolle übernahm und die Musik komponierte, nimmt kein Blatt vor den Mund: Ihre Gräfin, deren Jugend und Werdegang im Schnelldurchlauf gezeigt wird, wird in die mächtigste Familie Ungarns hineingeboren und zur Gefühllosigkeit erzogen. In einer Zeit, da Krieg und Grausamkeit vorherrschen und Adlige ihre Leibeigenen ungestraft foltern und morden dürfen, steigt sie zur schlauen Vermögensverwalterin ihres gegen die Osmanen kämpfenden Mannes auf, der sie bald als junge Witwe mit drei Töchtern zurücklässt. Dem König ist sie ein Dorn im Auge, und als sie Graf Thurzo (William Hurt) abweist und sich stattdessen unsterblich in dessen Softiesohn Istvan (ein etwas lebloser Daniel Brühl) verliebt, schlägt die Stunde der Patriarchen. Mit Gerüchten und Intrigen unterbindet Thurzo die Affäre und setzt den masochistischen Spitzel Vizakna (diabolisch: Sebastian Blomberg) auf sie an. Aus Liebeskummer beginnt schleichend Bathorys Schönheitswahn; ihr gebrochenes Herz gebiert erst eine Furie, dann ein Monster, das kaltblütig Zofen (erstes Opfer: eine unter ihren Möglichkeiten bleibende Anna Maria Mühe) absticht, um ihr Blut als Antifaltenmittel zu nutzen.
Gedeckte Brauntöne grundieren Delpys Interesse für den Verfall des Fleisches in einem Sittenbild einer dekadenten Gesellschaft, in der Tugend und Frauen gleichermaßen wenig gelten. Männer bestimmen die Regeln und ändern sie, wenn nötig, zum eigenen Vorteil. Somit ist Delpys weitgehend unsympathische Figur sowohl Opfer als auch Täterin in diesem etwas kraftlosen Psychogramm, das zum Liebesmelodram changiert. Ob Delpy dem diffizilen Material gerecht wurde, daran schieden sich auf der Berlinale die Geister.
tk.