
Entgegen hoher Erwartungen blieb "Die Legende vom Ozeanpianisten" beim italienischen Kinostart im Dezember 1998 fast ungehört. Obwohl die Kinoambitionen dieser visuell bestechenden anspruchsvollen Verfilmung der Geschichte eines Mannes, der sein Leben ausschließlich auf einem Passagierschiff verbringt, nicht ins Augen fallen, sondern springen. Zwar wurde der neue Film Giuseppe Tornatores für den internationalen Markt um 40 Minuten gekürzt, liefert aber auch in den verbleibenden zwei Stunden genug Gründe dafür, als großes Kino vom Publikum erkannt zu werden, das erst einmal gewonnen sein will.
Zwischen Tornatores Ruf und der kommerziellen Umsetzung klafft hierzulande bislang eine große Lücke. "Der Mann, der die Sterne macht" verglühte schnell, während es "Eine pure Formalität" nicht einmal in die Kinos schaffte. Selbst "Cinema Paradiso" war trotz seines Oscargewinns nur ein Achtungserfolg. "Die Legende vom Ozeanpianisten" ist mit einer amerikanisch-britischen Besetzung scheinbar tauglicher für das internationale Geschäft und wirkt nicht nur, aber vor allem dank der Leinwand und Augen füllenden Optik (Istvan Szabos Stammkameraman Lajos Koltai auf den Spuren von Tonino Delli Colli) wie eine Verbeugung vor "Es war einmal in Amerika". Der beste Leone, den Leone selbst nicht gedreht hat, basiert auf einer Vorlage der italienischen Literaturentdeckung Alessandro Baricco und erzählt aus der Perspektive des Trompeters Max (Pruitt Taylor Vince) vom scheuen, aber an den Tasten unendlich coolen Wunderpianisten Neunzehnhundert (Tim Roth), der sein Leben zwischen den Welten ausnahmslos an Bord eines den Atlantik kreuzenden Passagierschiffes verbrachte. Ausgehend vom Jahr 1946, in dem die rostige Heimat versenkt werden soll, blickt Tornatore auf die Zeit und den Menschen Neunzehnhundert zurück: seine Kindheit, seine Fähigkeit, mit Tönen Menschen zu beschreiben, sein Pianoduell mit Jazzlegende Jelly Roll Morton (ein Höhepunkt des Films), sein zaghaftes Herantasten an die Liebe und sein größtes Geheimnis, sich genau davor gefürchtet zu haben, was ihm tausende von Einwandern täglich vorlebten: für das Neue alles Alte aufgeben zu müssen. In imposanten, optimal zur Wirkung gebrachten Sets entfaltet sich das faszinierende, immer zugängliche Porträt eines Mannes, der seine Welt nicht verlassen konnte, weil ihm das Leben in einer anderen zu unkontrollierbar erschien. Unterstützt von Ennio Morricones Musik umklammert Wehmut diesen Film, der in seinen Effekten (Schiff auf dem Ozean, Freiheitsstatute und Skyline von New York ) nicht nur sein limitiertes Budget, sondern auch seinen märchenhaft-illusionären Ton zu erkennen gibt. Und berührt fragt man sich, ob Filme wie dieser im Eventkino der Gegenwart wirklich zu klein, oder in ihrem nachdenklichen Blick aufs Leben vielleicht sogar zu groß geworden sind. kob.