
Ob in traditionell zwei- oder dreidimensionaler Kopie: Robert Zemeckis' digitale Version des berühmten Heldengedichts ist unterhaltsamer als jede gedruckte.
Schüler oder Studenten, die "Beowulf" vielleicht noch in Form eines altenglischen Versepos schreckte, dürfen sich entspannt im Kinosessel zurücklehnen: Diese Kriegerlegende ist im Drehbuch Roger Avarys und Neil Gaimans entstaubt, in Plot, Figuren und psychologischen Motiven neu arrangiert und als Actionabenteuer redefiniert. Wie schon bei "Der Polarexpress" zaubert Zemeckis mit dem Verfahren der "Performance Capture", scannte die Darstellungen seiner Star-Besetzung digital ein und integrierte sie in digitale Hintergründe, in denen sich die Kamera perspektivisch völlig frei entfalten kann. Auch wenn sich darüber diskutieren lässt, ob Live Action emotionales Engagement auf Zuschauerseite erhöht hätte, lassen sich für die Digitalisierung neben budgetären auch ästhetische Argumente finden. Denn die immer noch artifiziell wirkenden Bilder passen zu einer Geschichte, die in eine andere Welt, eine Welt der Sagen, zurückführt. Unter diesem Aspekt bekommt auch ein beeindruckender Pull-back der Kamera neben der visuellen auch eine semantische Dimension. Er führt zurück von der zivilisierten Welt, vom rustikalen Hof des dänischen Königs Hrothgar (Anthony Hopkins), über die Wiesen und Wälder in die archaische Höhlenwelt des Monstrums Grendel und seiner Mutter - einer Dämonin, die die Gestalt einer unwiderstehlichen Verführerin annehmen kann. Der deformierte Riese Grendel, äußerlich eine Mutation irgendwo zwischen einer Entwicklungsstufe des "Hollow Man" und dem Monstrum aus den "X-Tro"-Horrorfilmen, soll als gequälte Seele auf den Spuren Gollums wahrgenommen werden. Das fällt nicht leicht, wenn man, wie Grendel, mehrfach den Königshof heimsucht und dabei mit abgetrennten Körperteilen jedes Zweibeiners herumwirft, der sich ihm in den Weg stellt. Als sich der legendäre Krieger Beowulf im Auftrag des Königs nackt dem Monstrum stellt, ist nicht nur dieses, sondern auch die Digitalzauberei gefordert, soll doch der Zuschauer nur in der Action, nicht in der Anatomie sehen, was den Mann ausmacht. Diese Sequenz, wie auch Beowulfs Kampf mit Seemonstern und einem Drachen, erfüllen jeden Wunsch nach Spektakel. Für sinnliche Sehnsüchte ist Grendels Mutter und ihr anatomisches Vorbild Angelina Jolie zuständig, die Beowulfs Lust, auch auf Macht und Reichtum, ausnutzt und ihm Jahre nach Grendels Tod eine neue Prüfung aus der Hölle schickt. Die biografischen Verbindungen zwischen Menschen und Kreaturen sind neu, die Schwächen der Männer wie auch die der digitalen Technik bekannt. Diese kann vor allem Frauengesichter nicht wirklich überzeugend beleben - im Unterschied zu denen der Männer, je mehr Falten, Bärte und Altersringe diese zeigen. Stören wird das allerdings keinen Zuschauer, zu dominant ist die Ablenkung durch Action, Tempo und die 3-D-Bilder, ein Entertainmentbonus, zu wuchtig heroisch und leidenschaftlich ist der Titelheld. In Zemeckis' Abenteuer liegt Sparta in Dänemark. Geografisch falsch, im Ton aber richtig. kob.