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Die Nacht singt ihre Lieder

Kammerspielartige, melancholische Studie eines jungen Paares, das der Enge der gemeinsamen Wohnung und Beziehung zu entfliehen versucht.


Die Nacht singt ihre Lieder

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Erhältlich seit:
27.06.2005

Originaltitel: Die Nacht singt ihre Lieder

Drama

Deutschland 2003
Laufzeit: 90 Min.
FSK: ab 6

Frank Giering
Anne Ratte-Polle
Manfred Zapatka

Regie: Romuald Karmakar
absolut MEDIEN

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Kammerspielartige, melancholische Studie eines jungen Paares, das der Enge der gemeinsamen Wohnung und Beziehung zu entfliehen versucht.

Der Besuch der Eltern ist nicht von langer Dauer (Foto: Prokino (Fox)) Großansicht

Der Besuch der Eltern ist nicht von langer Dauer (Foto: Prokino (Fox))

Das junge Paar ist frisch verheiratet - von Liebesglück jedoch keine Spur. Er (Frank Giering) ist arbeitslos, vergräbt sich zu Hause mit seinen Büchern und schreibt selbst an einem Roman. Doch die Zusage eines Verlages, das Werk zu veröffentlichen, bleibt aus.

Sie (Anne Ratte-Polle) ist lebens- und unternehmungslustig, langweilt sich in der häuslichen Enge, in der beide sprachlos nebeneinander herleben. Um der Tristesse zu entfliehen, geht sie abends weg, flirtet und versucht, den Spaß am Leben aufrecht zu erhalten. Doch eines Tages eskaliert die angespannte Situation dramatisch.

Ausbruch: Anne Ratte-Polle als Ehefrau (Foto: Prokino (Fox)) Großansicht

Ausbruch: Anne Ratte-Polle als Ehefrau (Foto: Prokino (Fox))

Ein Ort des Dramas

Nach dem Kammerspiel "Manila" verfilmte Romuald Karmakar ein Theaterstück des modernen Dramatikers Jon Fosse.

Auch diese Geschichte spielt an einem einzigen Ort und wird von den beiden brillanten Hauptdarstellern getragen. Das Soziogramm eines Paares, das an der Liebe (ver)zweifelt.

Die Nacht singt ihre Lieder

Fast fünf Jahre dauerte es, bis Romuald Karmakar nach "Manila" das Geld für seinen neuen Kinofilm zusammen hatte. Auf der Basis von Jon Fosses gleichnamigen Bühnenstück zeichnet er die Hölle einer Zweier-Beziehung, in der Frank Giering und Anne Ratte-Polle sich harte Wortgefechte liefern und die Grenze des Zumutbaren ausloten.

"Ich halte das nicht mehr aus, nein, ich schaffe das nicht!", die blonde Frau will und kann nicht mehr. Schon der erste Satz umreißt das Problem eines namenlosen jungen Paares. Kennengelernt haben sie sich wohl vor Urzeiten, und irgendwann müssen sie sich mal geliebt haben. Aber das scheint lange her, auch wenn im Kinderzimmer der gemütlichen Altbauwohnung ein Neugeborenes schläft. Sie, die unternehmungslustige Mutter, will raus aus dem Haus und das Leben genießen, er ,der erfolglose Autor, liegt lethargisch auf dem Sofa und liest. Der Besuch seiner Eltern ist nur eine kurze Unterbrechung der schwelenden Auseinandersetzung. Die junge Frau zieht mit ihrer Freundin durch die Clubs von Berlin Mitte, während der Mann zu Hause nervös auf sie wartet. Da kann es nur zur Katastrophe kommen, wenn ein dritter in dieses fragile Geflecht bricht. Romuald Karmakar feilt auch in seinem neuen Werk genüsslich am Konzept von Selbstzweifel und Selbstzerfleischung. Nach der Bühnenvorlage von Jon Fosse entwirft er ein beklemmendes Psychogramm über die Sprachlosigkeit zwischen Mann und Frau, auch wenn ständig geredet wird. Psychologische Erklärungsmuster oder biografische Hintergründe fehlen, er lässt offen, warum die Beziehung in die Brüche ging, wann es jemals mehr als routinierte Zweisamkeit gab. Die Protagonisten verstecken ihre wahren Emotionen, drehen sich im Kreis und die gebetsmühlenhafte, fast flehentliche Wiederholung des Mannes "Es geht uns doch gut zusammen", zeugt nur davon, wie schrecklich alles ist. Eine ganze Nacht lang Reden und hilfloses Schweigen, gegenseitiges verletzen, sich verstricken in ein Netz aus Lügen und Wahrheit. Wo Nähe ist, reibt man sich wund, leidet wie ein Tier. Die beiden kämpfen mit verbalen Florett, dennoch treffen die Worte nach und nach wie scharfe Dolche ins Innerste, sind Hülsen und Geschosse in einem. Was Menschen sich einander antun können in einer abgelebten und abgeliebten Beziehung, hier wird es bis ultimo praktiziert. Der verachtende Blick, der beißende Ton, der kalte Abschied sind Ausdruck von Hass und Verzweiflung. Kein Pardon für nichts und niemanden! Mit seinem Minimalismus provoziert und verstört Karmakar. Das Kammerspiel, das nur durch wenige Außenmotive wie ein Ausflug in die Disco oder ein Blick aus dem Fenster, unterbrochen wird, quält und fasziniert zugleich. "Die Nacht singt ihre Lieder" ist kein typischer Berlin-Film, auch wenn er wie viele andere in Berlin-Mitte spielt. Das renovierungsbedürftige Wohnhaus spiegelt den Zustand der Partnerschaft wieder, es bröckelt nicht nur die Fassade. Auch wenn Karmakar nicht die Intensität von Bergmans "Szenen einer Ehe" erreicht, er trifft ins Mark, wenn er Gefühle wie unter einem Brennglas seziert. Die ungeschminkte Erzählung von Liebe, die sich nicht mehr erfüllt und von Hoffnung, die wie eine Seifenblase zerplatzt, bietet keine locker-leichte Samstag-Abend-Unterhaltung, aber jede Menge Diskussionsstoff. Bleibt zu hoffen, dass das Publikum den Wagemut honoriert. mk.

Die Nacht singt ihre Lieder

Ein junges Paar in der Großstadt. Sie ist voller Energie und Lebenslust, will Spaß haben und glücklich sein. Er ist der Vater ihres gemeinsamen Babys und Schriftsteller, doch sein Leben ist ins Stocken geraten. Niemand will drucken, was er schreibt, und mit jeder Absage schwindet die Hoffnung auf künstlerischen Erfolg. So sitzt er den ganzen Tag auf dem
Sofa und liest. Aber die junge Frau lässt nicht locker, sie will mehr vom Leben. Halb ratlos, halb trotzig zieht sie nachts allein durch die angesagten Clubs der Stadt und kommt zurück - aber nicht allein...
Entstanden nach dem Stück des norwegischen Dramatikers Jon Fosse entfaltet sich im hochkonzentrierten, ungeheuer präzisen Spiel eine knisternde Spannung, die den schwelenden Konflikt zwischen den beiden physisch spürbar macht, obgleich Text wie Inszenierung auf psychologisierende
oder dramatische Elemente verzichtet.

Quelle: absolut Medien

Darsteller:  Frank Giering   als Der junge Mann
  Anne Ratte-Polle   als Die junge Frau
  Manfred Zapatka   als Vater
  Marthe Keller   als Mutter
  Sebastian Schipper   als Baste
  Captain Comatose   als Live Act
 
Regie:  Romuald Karmakar  
Buch:  Romuald Karmakar  
  Martin Rosefeldt  
Musik:  Swans  
  Henry Purcell  
  Michael Mayer  
  Captain Comatose  
  Chris & Carla  
  Maximilian Hecker  
Kamera:  Fred Schuler  
Produzent:  Romuald Karmakar  

"Anschreien wäre zu primitiv"

Neben Regisseuren wie Christoph Schlingensief und Tom Tykwer hat Romuald Karmakar dem deutschen Kino neues Renomee im Ausland verschafft. Für "Der Totmacher", "Manila" und "Das Himmler-Projekt" mit Preisen überhäuft, stellt der Filmemacher auf der Berlinale sein neues Drama "Die Nacht singt ihre Lieder" vor.

Romuald Karmakar am Set von "Die Nacht singt ihre Lieder" (Foto: Prokino (Fox)) Großansicht

Romuald Karmakar am Set von "Die Nacht singt ihre Lieder" (Foto: Prokino (Fox))

» "Die Nacht singt ihre Lieder" ist ein Ehedrama von ungewohnter Intensität. Keiner schreit, aber jedes Wort schneidet wie ein Filetiermesser. Warum kein fliegendes Geschirr?

ROMUALD KARMAKAR: Jon Fosse gibt mir die Möglichkeit, die Entfremdung von Menschen, die sich irgendwann mal geliebt haben, sich von der Schulzeit her kennen, eine Wohnung teilen und ein Kind miteinander haben, in noch stärkerer Entfremdung zu zeigen. Gerade im Kino gibt es den Kanon, dass sich zwei Leute, die sich in Hassliebe verbunden sind, gegenseitig anschreien, aufeinander einschlagen, sich im Einschlagen umarmen, über den Boden wälzen und anschließend lieben. Ich finde, für 2004 ist das zu einfach und zu primitiv. Bei mir berührt sich das Paar ein oder zwei Mal. Das ist auf einer nach unten offenen Gefühlsskala eine neue Dimension. Dies ist bereits bei Fosse angelegt, und das gefällt mir. Die Darstellung von Gefühlen im Kino stammt aus den sechziger Jahren, dies ist eine Weiterführung. Die beiden Protagonisten verletzen sich mit Worten, das finde ich viel schlimmer. Jeder weiß, wo er ansetzen muss, um den anderen noch tiefer zu treffen.

» Das Stück strahlt eine unglaubliche Kälte und Desinteresse der Protagonisten untereinander aus. Wie symptomatisch ist dies für die Gesellschaft?

Die meisten Geschichten von Jon Fosse haben keinen bestimmten Ort, an dem sie spielen. Um eine Geschichte im Kino zu erzählen, muss man ihr einen Ort zuweisen. Es ist zwar immer einfacher, Geschichten mit unangenehmen Themen in die Peripherie der Gesellschaft zu legen. Da der Großteil der Gesellschaft aber die bürgerliche Mitte ist, habe ich die Geschichte dorthin verlegt. Es ist schmerzhafter. die Geschichte von dort zu erzählen. Alles ist toll, doch wie sieht es wirklich tief drinnen in diesen Personen aus? In dieser Schicht kann man viel besser mit Floskeln, Codes oder Leerstellen umgehen, als jemand, der nicht so gebildet ist und deshalb eruptiv und gewalttätig reagiert.

» Was fasziniert Sie an Geschichten, die in einem eng umrissenen Raum spielen?

Mich fasziniert immer wieder, die wenigen Mittel voll auszunutzen, die ich zur Verfügung habe. In Deutschland können wir nicht leisten, was das US-Kino leistet. Ich kann nur mit Schauspielern eine Geschichte ohne Effekte von vorne bis hinten erzählen. Wenn es einem gelingt, dies durchzuhalten, kann das eine sehr hohe Intensität haben. Kino ist eine Kunst, die in ihrer Grammatik unglaublich reichhaltig ist. Dies im vollen Umfang zu nutzen, ist unsere Stärke.

» "Die Nacht singt ihre Lieder" verleugnet in keinem Moment seine Herkunft vom Theater; zugleich haben Sie jede Möglichkeit, die die Kamera bietet genutzt. Wie war das Konzept, Kino und Theater zu verbinden?

Es gibt unterschiedliche Ansätze und Theorien, wie man Theater ins Kino bringt. Ich persönlich glaube daran, dass man im Kino die originäre Quelle nicht zu verleugnen braucht, wenn das Stück sehr stark ist. Nur so entsteht letztendlich das eigenständige Kinowerk. Wenn man die originäre Quelle nicht verleugnet, kann man zeigen, was das Kino vom Theater unterscheidet, indem die Unterschiede bewusst herausgearbeitet werden. Jede Geschichte braucht ihre eigene originäre Form, um zum Kunstwerk zu werden. Wenn es keine Beziehung zwischen Form und Inhalt gibt, ist das nicht genug, auch wenn es Filme gibt, die nur über den Transport vom Formen existieren. Auch wenn dies viel Spaß macht, so kann das Kino doch sehr viel mehr.

» Welche Veränderungen haben Martin Rosefeldt und Sie bei der Adaption des Stücks vorgenommen?

Das Stück spielt nur im Wohnzimmer. Es ist aber viel aufregender, ein Bild zu gestalten, wenn man die Wohnung und damit verschiedene Tiefen hat. Wir haben über Fenster und Balkon Bezüge nach außen geschaffen. Eine größere Wohnung verstärkt die Einsamkeit mehr als ein kleines Zimmer. Je größer die Wohnung, desto einsamer, trauriger und armseliger wird es. Wir haben einiges geändert. Ziel war jedoch immer, das Stück nicht zu verleugnen und als Film zu erzählen.

» Ihr nächstes Projekt heißt "Land der Vernichtung". In Vorbereitung darauf haben Sie Videoaufzeichnungen gemacht, die als ein "Making Before" im Panorama zu sehen sind. Worum geht es bei diesem Projekt?

Es geht um die strafrechtliche Verfolgung von Angehörigen des Hamburger Reservepolizeibataillons 101, die 1942/43 in Südostpolen an der Deportation und Vernichtung von Juden beteiligt waren. Es handelt von der größten Mordkampagne des Zweiten Weltkriegs, bei der 1,7 Mio. Juden umgebracht wurden. Im Sommer 2003 bin ich nach Polen gefahren, um mir die Orte anzusehen, sie als Grundlage für die Weiterentwicklung des Projekts abzufilmen und sie dann den am Film Beteiligten zu zeigen. Aus dem DV-Material habe ich am Heimcomputer das Making Before geschnitten, das sehr anschaulich zeigt, wohin das Projekt geht. Der darüber geplante Spielfilm ist in der Entwicklung und soll noch in diesem Jahr in die Finanzierungsphase gehen.

 

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