
Mit der Verfilmung des Romans von Nobel-Preisträger José Saramago über eine in Blindheit gehüllte Welt fügt Fernando Meirelles dem Subgenre des Apokalypse-Kino eine neue Vignette hinzu - ein "I Am Legend" für den lesenden Menschen, das aus seiner beunruhigenden Prämisse weniger Spektakel als die Grundlage für philosophische Betrachtungen über die dünne Decke der Zivilisation bezieht.
Kurz nach seinem Debüt "City of God", mit dem Meirelles 2002 für eine Sensation in Cannes gesorgt hatte, hatte der brasilianische Filmemacher mit "Intolerance" ein Großprojekt über den Wahnsinn Globalisierung angekündigt, das er dann zugunsten der Verfilmung von John le Carrés "Der ewige Gärtner" unrealisiert ließ. In gewisser Weise greift "Die Stadt der Blinden" den Faden nun wieder auf und wirft einen denkbar kompromisslosen Blick auf eine durch eine Epidemie aus den Fugen geratene Welt. Furios ist der atemlos geschnittene Auftakt, in dem zunächst ein einzelner Autofahrer mitten auf einer Kreuzung in einer nicht weiter benannten Metropole sein Augenlicht verliert, seine Sicht sich förmlich in einem Meer aus weißem Licht auflöst, woraufhin alle Menschen, mit denen er in Kontakt gerät, ebenfalls von der "weißen Blindheit" befallen werden und eine Welt umgreifende Epidemie ihren Ausgang nimmt.
Wie Saramago im Roman bedient sich Meirelles der Mittel des Zombie- und Seuchenfilms: Die Erkrankten werden von einer panischen Außenwelt in eine ehemalige Heilanstalt mit drei Flügeln gepfercht und dort mit Ausnahme von regelmäßigen Nahrungslieferungen ihrem Schicksal überlassen. Die Heilanstalt erweist sich mit der Ankunft immer weiterer Blinder als Mikrokosmos, als Sinnbild für ein apokalyptisches Babel, in dem jede Form von Zivilisation nacktem Chaos weichen muss. Am schlimmsten trifft es die wie alle anderen Figuren namenlose Frau des Doktors, der die Krankheit als erstes diagnostiziert hatte: Um nicht von ihrem erblindeten Mann getrennt zu werden, gibt die von Julianne Moore gespielte Frau vor, ebenfalls ihr Augenlicht eingebüßt zu haben. Sie ist schließlich die einzig Sehende in einer außer Kontrolle geratenden Situation, als die Männer eines der drei Flügel beginnen, die Anderen zu terrorisieren und für die Herausgabe von Nahrung zunächst Materielles und schließlich die Dienste der Frauen einzufordern.
Zu diesem Zeitpunkt ist "Die Stadt der Blinden" kein schöner Film, kann es per definitionem nicht sein: Meirelles inszeniert die eskalierende Gewalt zwischen den Bewohnern der verschiedenen Flügeln mit der nötigen Härte, ergötzt sich jedoch niemals daran. Die zahlreichen Weißblenden sind eine regelrechte Aufforderung an das Publikum, das Gesehene wie auf einer Leinwand selbst mit Bedeutung zu füllen. Überhaupt dient die von Danny Glover - im Film als einer der Blinden zu sehen - aus dem Off mit den philosophischen Worten Saramagos erzählte Geschichte nur als Ausgangspunkt für ein Abarbeiten an unterschiedlichsten Betrachtungen über die Menschheit im Angesicht des Untergangs: Ob es sich nun um eine Parabel über klar definierte aktuelle politische oder gesellschaftliche Geschehnisse handelt oder über generelle Betrachtungen über den Zustand einer Welt, vor dem die Menschen die Augen verschließen, spielt keine Rolle. Dass der mit einem Höchstmaß an visuellem Einfallsreichtum und handwerklicher Fertigkeit realisierte Eröffnungsfilm des 61. Festival de Cannes sich dennoch bisweilen auf hohem Niveau die Zähne ausbeißt, mag damit zusammenhängen, dass eine Adaption des sich aus verschachtelten Gedankenspielen über das Wesen der Blindheit zusammensetzenden Buches unweigerlich scheitern muss: Der unwiderstehlichen Flüchtigkeit der Vorlage muss Meirelles klare, eindeutige Bilder entgegensetzen, die ihre Wirkung zwar nicht verfehlen, nicht zuletzt dank der starken Darstellerriege, der neben Moore auch Mark Ruffalo, Alice Braga und Gael Garcia Bernal angehören, aber bisweilen das Entfesselte vergleichbarer Filme wie "28 Weeks Later" vermissen lassen. Wie Meirelles seinen Blick in den Abgrund der menschlichen Existenz dann aber mit einer Note der Hoffnung und des Glaubens an die Kraft der Menschlichkeit enden lässt, ist zweifellos eine beeindruckende Leistung: ein Film über den Verlust der Sehkraft, an dem man sich nicht sattsehen kann. ts.