
Eine 14-Jährige wächst bei ihren ausgeflippten Hippie-Eltern auf und sehnt sich nach einer normalen Spießer-Familie.
Adieu, Rebellion! Vorbei die Zeiten, da Jugend Aufbruch in neue Welten bedeutete, den Bruch mit Traditionen. Pia Marais krempelt in ihrer Coming-of-Age Geschichte die Verhältnisse um. Die Erwachsenen machen auf Ausschweifung und "forever young", die Heranwachsende träumt von festen Regeln und Sicherheit. Stevie lebt mit ihren Eltern und deren Freunden ein Leben entgegen der Norm in einem heruntergekommenen Haus mit verwildertem Garten ohne Rückzugsmöglichkeit. Der aus dem Knast entlassene Vater (Birol Ünel als unreifer Pater Familias) verdient sein Geld durch Drogen, bunkert gar Haschisch in ihrem Koffer. Jeder Tag ist eine Party, man schläft bis in die Puppen, hat Sex miteinander, läuft nackt herum und lässt sich von Hanfpflänzchen oder Alkohol stimulieren. Das Mädchen schämt sich schrecklich, für ihre Mitschülerinnen erfindet sie einen Vater im Diplomatendienst in Brasilien, klebt die Köpfe ihrer Eltern auf gestohlene Familienfotos. Und trotz aller Widerstände löst sie sich von der Großfamilie.
Pia Marais weiß, wovon sie erzählt. Selbst Tochter von Hippies, greift sie auf ihre Erfahrungen im Endlos-Chaos zurück, das zentrale Thema der Geschichte sind fehlende Grenzen, die Verweigerung jeglicher Form von Verantwortung. Dabei stellt sie die Frage, wie ein Kind in dieser Umgebung eine eigene Identität entwickeln kann. Hilflos wirken die Versuche der 14-Jährigen, Vater und Mutter zu einer bürgerlichen Existenz zu bringen, auch mit unrealistischen Berufsvorschlägen wie Makler, weil man dafür keine Ausbildung braucht. Nicht alles wirkt perfekt inszeniert, die Erwachsenen bewegen sich oft stark in der Nähe zum Klischee, dafür ist Ceci Chuh als Stevie eine Entdeckung. Ihr skeptischer Blick, die gerunzelte Stirn, der angestrengte Gesichtsausdruck spiegeln ihre Angespanntheit wieder, das diffuse Gefühl von Unfreiheit, aber auch die große Verletzbarkeit. Dennoch kein Pessimismus oder harte Abrechnung mit der Nachfolgegeneration der 68er. Das Mädchen genießt das Privileg der Jugend. Die Zeit ist auf ihrer Seite und ein kleiner Ausbruch besser als Nichts. mk.