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Dogville

Radikal inszenierter Thriller, in dem eine junge Frau während der Zeit der Depression auf der Flucht vor Gangstern und Polizei in einer kleinen Gemeinde der Rocky Mountains Zuflucht sucht.


Dogville

Leihvideo

Erhältlich seit:
29.04.2004

Drama

Dänemark/Schweden/Großbritannien/Frankreich/Deutschland/Niederlande 2003
Laufzeit: 170 Min.
FSK: ab 12

Nicole Kidman
Harriet Andersson
Lauren Bacall

Regie: Lars von Trier
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Radikal inszenierter Thriller, in dem eine junge Frau in den 30er Jahren auf der Flucht vor Gangstern und Polizei in einer kleinen Gemeinde der Rocky Mountains Zuflucht sucht.

Nicole Kidman als mysteriöse Fremde (Foto: Concorde) Großansicht

Nicole Kidman als mysteriöse Fremde (Foto: Concorde)

In einem amerikanischen Bergdorf in den Rocky Mountains im Jahr 1930 taucht wie aus dem Nichts eine geheimnisvolle junge Frau auf und findet Unterschlupf.

Zunächst nehmen die Einwohner die einfache Frau freundlich und hilfsbereit auf. Doch schon bald ändern sich die Gefühle, als sich herausstellt, dass die Fremde von der Polizei und ihrem Vater, einem einflussreichen Mafiaboss, gesucht wird.

Wie in seiner Golden-Heart-Trilogie ("Breaking the Waves", "Idioten" und "Dancer in the Dark") fragt Lars von Triers neuestes Meisterwerk nach Werten wie Menschlichkeit und Güte - um diesen knallhart das Bestialische im Homo Sapiens gegenüberzustellen.

Noch ahnen die Bewohner nichts von Graces Vergangenheit (Foto: Concorde) Großansicht

Noch ahnen die Bewohner nichts von Graces Vergangenheit (Foto: Concorde)

Weniger ist mehr

Auf 50 mal 50 Meter Studiobühne mit aufgemalten Straßen und lediglich stilisierten Gebäuden spitzt sich das Drama, das bei den Filmfestspielen von Cannes wegen angeblichem Antiamerikanismus die Gemüter erhitzte, bis aufs Äußerste zu.

Nicole Kidman, Lauren Bacall, James Caan, Stellan Skarsgård und Jeremy Davies brillieren in den Hauptrollen.

Dogville

Eine 50 mal 50 Meter große Bühne, aufgemalte Straßen und Häuser, Rudimente von Requisiten und ein paar Beleuchtungstricks, 15 Schauspieler - mehr ist nicht in "Dogville". Doch trotz dieser künstlichen, spartanischen, gezielt theaterhaften Umgebung gelingt es Lars von Trier in seinem formal radikalen, inhaltlich ergreifenden Cannes-Aufreger über eine Gangsterbraut in der Depressionsära, die sich vor ihren Häschern in eine hermetisch abgeriegelte Berggemeinde in den Rocky Mountains flüchtet, eine ganze Welt glaubwürdig erstehen zu lassen. In deren Mittelpunkt steht wie schon in "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark" eine Frau, der wieder die gesamte Last des Universums aufgebürdet wird. Und doch lässt es Oscar-Gewinnerin Nicole Kidman in einer Tour de Force niemals zu, sich als Opfer ausbeuten zu lassen, was letztlich auch Ausgangspunkt für einen überraschenden und furiosen Showdown des allemal Palme würdigen, Anti-Dogma-Films ist, der vor allem in Großstädten hohe Wellen nicht brechen, sondern schlagen sollte.

Inspiriert worden zu seinem Planspiel, so berichtet von Trier in den Presseunterlagen, sei er von der Kritik amerikanischer Journalisten, wie er es sich habe erlauben können, "Dancer in the Dark" in den USA anzusiedeln, ohne das Land selbst jemals besucht zu haben. Aber selbstverständlich ist das resultierende Schuld- und Sühnedrama kein Schlüsselfilm über Amerika (oder gar antiamerikanisch), wie von Trier in Cannes angelastet wurde, sondern bestenfalls über eine Vorstellung von Amerika, wie man es aus dem Kino kennt. Nicht von ungefähr wählte er deutlich wiedererkennbare Elemente eines ur-amerikanischen Genres, des Gangsterfilms, die Ära und Location bedingen und einen spielerischen Rahmen für den strengen Kraftakt "Dogville" bilden, dessen weitere deutliche Vorbilder europäischen Ursprungs sind. Das Theater von Brecht, Dürrenmatt (besonders "Der Besuch der alten Dame") und Beckett sowie britische Fernsehadaptionen von Theaterstücken in den 50er Jahren bilden eine potente Ursuppe, aus der von Trier mit vollen Händen schöpft, um in neun Szenen plus Prolog und Epilog seine universellen Untersuchungen über die Bestie Mensch anzustellen.

Fremd und anstrengend wirkt der Film auf den ersten Metern: Eine gewisse Aufgeschlossenheit des Publikums ist schon erforderlich, die ungewöhnliche Kulisse der minimalistischen Fingerübung anzunehmen. Wie ein Monopolyspiel sieht die Welt von "Dogville" in der ersten Totalen von oben zunächst aus. Straßen und Häuser sind ebenso aufgemalt wie Büsche, Hügel oder eine Miene am Rand des Dorfs. Bruchstücke von Requisiten verleihen dem einzigen Raum, den man während der gesamten Dauer sehen wird, Struktur und Tiefe. Tag und Nacht werden durch weiße, bzw. schwarze Rahmen um die Bühne gekennzeichnet. Es ist ein Vabanque-Spiel, auf das sich von Trier da einlässt, aber es ist auch deutlich erkennbar seine Herausforderung, die Abstraktion des Raumes mit allen gebotenen filmischen Mitteln zu überwinden. Das gelingt ihm zunächst einmal mit der außergewöhnlich beweglichen Kamera von Anthony Dod Mantle und einem allwissenden, omnipräsenten Erzähler (im Original: John Hurt), der Details offenbart, die man unmöglich sehen kann. Schließlich ist es aber die Wucht seiner Geschichte und die ungemein starke Leistung des Ensembles, zu dem neben Kidman mutige Jungstars wie Paul Bettany, Chloe Sevigny und Jeremy Davies und mit allen Wassern gewaschene Profis wie Lauren Bacall, Ben Gazzara, Philip Baker Hall und Patricia Clarkson gehören.

Wenn Kidman als Grace, die auf ihrer Flucht vor schweren Jungs widerwillig von der Gemeinde aufgenommen wurde, nach etwa einer Stunde Laufzeit das (nicht vorhandene) Fenster im Haus eines blinden Mannes öffnet und ihr warme orange Sonnenstrahlen ins Gesicht fallen, ist die Illusion mit einem Mal perfekt. Fortan sieht man nur noch die Geschichte, die sich von Trier hat einfallen lassen: Wie der Engel Grace zunächst das komplette Dorf mit ihrer unendlichen Freundlichkeit und Güte für sich gewinnt. Wie das Idyll zerbricht, weil soviel Gutheit mehr und mehr nur noch die schlechtesten Seiten der Menschen von Dogville hervorkehrt. Wie Grace zunächst ausgenutzt, ausgebeutet und schließlich förmlich versklavt wird. Und wie die Geschichte im letzten Moment eine ungeahnte und schockierende Wendung nimmt, die ebenso zwingend und logisch wie auch spitzbübisch ist. Der Schalk sitzt von Trier in dieser todernsten Versuchsanordnung ohnehin im Nacken und macht - gemeinsam mit der gewaltigen Performance von Kidman - auch die härtesten Momente des Hundstage-Martyriums erträglich. Bleibt also nur noch abzuwarten, ob der Däne auch die beiden nächsten Kapitel in der angeblich als Trilogie angelegten Grace-Saga (Arbeitstitel: "Washington" (sic!) und "Manderlay" (sic!)) in ähnliche künstlerische Triumphe verwandeln kann. ts.

Darsteller:  Nicole Kidman   als Grace
  Harriet Andersson   als Gloria
  Lauren Bacall   als Ma Ginger
  Jean-Marc Barr   als Der Mann mit dem großen Hut
  Paul Bettany   als Tom Edison Jr.
  Blair Brown   als Mrs. Henson
  James Caan   als Big Man
  Patricia Clarkson   als Vera
  Jeremy Davies   als Bill Henson
  Ben Gazzara   als Jack McKay
  Philip Baker Hall   als Tom Edison Sr.
  Siobhan Fallon   als Martha
  John Hurt   als Erzähler
  Zeljko Ivanek   als Ben
  Udo Kier   als Der Mann im Mantel
  Cleo King   als Olivia
  Miles Purinton   als Jason
  Bill Raymond   als Mr. Henson
  Chloë Sevigny   als Liz Henson
  Shauna Shim   als June
  Stellan Skarsgård   als Chuck
 
Regie:  Lars von Trier  
Buch:  Lars von Trier  
Kamera:  Anthony Dodd Mantle  
Produzent:  Vibeke Windeløv  

Von Trier auf der Schlachtbank

Lars von Triers Filme strotzen vor seelischer Grausamkeit. Beim nächsten Mal hätte auch Blut spritzen sollen.

Der irre Flick mit dem sanften Blick: Lars von Trier (Foto: Kurt Krieger) Großansicht

Der irre Flick mit dem sanften Blick: Lars von Trier (Foto: Kurt Krieger)

Der Däne mag unberechenbar sein. Aber dumm ist er nicht. Weil es mittlerweile massive Proteste von Tierschützern hagelt, hat sich Lars von Trier dazu entschieden, eine Schlachtszene aus seinem neuen Projekt "Manderlay" zu streichen. Dem betroffenen Esel hilft das auch nichts mehr: Sein blutiges Ende ist schon lange abgedreht und wandert nun zu den tierischen Überresten auf den Müll.

Den Dogma-Regisseur, der für seine Unfähigkeit zum Mitleid berüchtigt ist, kümmert das wenig. Er hat die Szene nicht wegen ihrer Grausamkeit, sondern aufgrund ihrer kontroversen Strahlkraft entfernt. Schließlich sollen derartige Nichtigkeiten nicht vom politischen und gesellschaftlichen Inhalt des Films ablenken: "Manderlay" ist der zweite Teil der Amerika-Trilogie, welche 2003 mit "Dogville" begonnen hatte und die Bösartigkeit von Kleinstädtern während der Depressionszeit thematisiert.

Dänen lügen nicht

Für von Trier ist dabei die künstlerische Aussage entscheidend: Statt dem Publikum eine beschönigte oder stilisierte Welt zu zeigen, setzt er auf die Brutalität der Wirklichkeit.

Das hat ihn allerdings schon viele Sympathien gekostet. Björk, Hauptdarstellerin in "Dancer in the Dark", war nach den Dreharbeiten ein nervliches Wrack. Nicole Kidman, gefallene Heldin in "Dogville", flüchtete entsetzt aus dem eigenen Film. Und John C. Reilly, anfangs Teil der "Manderlay"-Besetzung, stieg während der Produktion aus. Medienberichten zufolge soll die Schlachtszene der Auslöser für seinen wutschnaubenden Ausstieg gewesen sein.

Dass der Esel überhaupt zu Filmzwecken geschlachtet werden konnte, liegt an den schwedischen Gesetzen. Sie erlauben die Tötung eines Tieres, wenn der Ausführende Tierarzt ist.

 

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