
Von einer Jugend ohne Tugend erzählt Regisseur Lars Jessen in seiner einfühlsamen Adaption von Rocko Schamonis Kultroman.
"Die Jugend hat kein Ideal, keinen Sinn für wahre Werte"... so lautet eine Zeile aus Wolfgang Ambros' Hit "Zwickt's mi", der dem Austro-Popper 1975 endgültig zum (internationalen) Durchbruch verhelfen sollte. Punk war gerade am entstehen, in London und New York, "No Future" lautete nach den Sex Pistols das Schlagwort der Stunde und wer als junger Mensch etwas auf sich hielt, gab sich rüpelhaft, rebellisch und nonkonformistisch. Das "Verschwende deine Jugend" wurde zum Lebensprinzip erhoben und kaum zehn Jahre später war es auch schon in der deutschen Provinz angekommen. Beim Musiker Rocko Schamoni beispielsweise, Jahrgang 1968, aufgewachsen in Lütjenburg in der Holsteinischen Schweiz.
Dessen Roman "Dorfpunks" hat Lars Jessen adaptiert und dabei gleichzeitig Motive seines Kinoerstlings "Am Tag als Bobby Ewing starb" variiert. Im Sommer 1984 spielt die Coming-of-Age-Geschichte, in der Malte Ahrens, der sich jetzt Roddy Dangerblood (Cecil von Renner) nennt, mit seinen Kumpels eine Punk-Band gründet. Nur zwei Auftritte werden sie absolvieren, einen mäßig umjubelten ersten - "Merkt ihr was, Leute? Eben waren wir noch Scheiße... und jetzt sind wir 'ne Band!! - und einen zweiten, der endet, bevor er begonnen hat. Gerne treffen sich die Jungs, Roddy, Fliegevogel, Flo, Sid, Piekmeier und Günni nebst Hund, im Waldversteck, trinken Bier aus der Dose und pissen ins Lagerfeuer. Dazwischen träumen sie von Sex, gehen mit dem Schlauchboot auf der Ostsee unter und legen sich mit den braven Bürgern vom Schmalenstedt an, deren Marktplatz sie durch ihre Anwesenheit verunstalten.
Die Suche nach der Musik, dem richtigen Ton und dem Bandnamen, der sich alle paar Minuten ändert, steht hier stellvertretend für die Suche nach dem Platz im Leben. Man will anders sein als die liberalen Eltern, man definiert sich über Freundschaft und "Mode" und stellt fest, dass man doch Opfer bringen muss, um weiter zu kommen. Zum Sehnsuchtsort werden darüber die ländliche Heimat und die 80er Jahre - ironisch gebrochen zwar, aber leider nostalgisch verklärt. In Sprache, Tonalität und Bild hat Jessen den damaligen Zeitgeist recht genau getroffen, seine junge Darstellertruppe macht ihre Sache gut. Nur gerät das Ganze insgesamt zu glatt, zu nett, zu stromlinienförmig. Und Stromlinienförmigkeit und Nettigkeit waren definitiv nicht Sache der Punks - denn: Traue keinem über Zwanzig. geh.