
Nach "Chicago" wird ein weiteres Topmusical vom Broadway zum Sunset Boulevard transferiert. Und auch mit dieser freien Nacherzählung der Karriere- und Krisenstory der Supremes kündigt sich ein weiterer Hit in Hollywood an.
1981 und damit sechs Jahre nach "Chicago" feierte "Dreamgirls" Premiere. Exakt im gleichen Jahr verließ Diana Ross Motown, brach damit über ihre Plattenfirma auch die letzte Brücke zu der Gruppe ab, die sie berühmt gemacht hatte. "The Supremes" und die Geschichte ihrer Triumphe und Konflikte liefert das Handlungsgerüst für das Musical: der frühe Aufstieg eines unbekannten Girltrios, der an Motowngründer Berry Gordy angelehnte erfolgs- und kontrollsüchtige Übermanager, die Hinwendung vom R & B zum gefälligeren Pop, die Degradierung der Leadsängerin zum Backup durch eine gewichts-, allerdings auch stimmreduzierte Kollegin, hinter der Diana Ross sichtbar wird. Autor-Regisseur Bill Condon, der bereits für "Chicago" das Drehbuch verfasste, hält sich eng an die Bühnenvorlage, die als repräsentative Aufstiegs- und Absturzgeschichte ganz bewusst diverse Klischees aus dem Musikgeschäft versammelt.
Es beginnt Anfang der Sechziger, als die Freundinnen Effie (Jennifer Hudson), Deena (Beyoncé Knowles) und Lorell bei einem Talentwettbewerb entdeckt werden. Curtis (Jamie Foxx) wird ihr Manager, lässt die "Dreamettes" als Backup-Sängerinnen für James "Thunder" Early auf Tour gehen. Eddie Murphy ist in dieser Rolle, eine Verbeugung vor James Brown, die erste Überraschung des Films, ist explosiv als Sänger und Performer. Die zweite, ungleich größere liefert Jennifer Hudson. In der dritten Staffel von "American Idol", dem US-Vorbild für "Deutschland sucht den Superstar", unter Kontroversen im Finale ausgeschieden, demonstriert sie hier eine vokale, aber auch darstellerische Potenz, der ihre ungleich berühmtere Kollegin Beyoncé nie gewachsen ist. Das passt perfekt zu den Rollen, für die Hudson zu-, Beyoncé dagegen abnehmen musste. Denn Manager Curtis will unbedingt den Crossover schaffen, auch die weißen Amerikaner als Fans zu gewinnen. Dazu gehört nicht nur, mit den Wölfen zu heulen, DJ's in den Radiostationen zu schmieren, sondern auch, den Sound und die Präsentation zu verändern. Als Early in einer witzigen Sequenz beim Auftritt in Miami wieder rückfällig und damit animalisch-funkig wird, präsentiert Curtis die Girls als eigenen Act, macht die attraktivere Deena zur neuen Leitfigur. Für Effie eine musikalische, aber auch persönliche Demütigung, weil sie Curtis liebt, aber auch im Reich der Leidenschaft von Deena abgelöst wird. "Where did our love go?", fragt sich aber nicht nur Effie, die mit der Gruppe bricht, sondern schließlich auch Deena nach langen Ehejahren mit Curtis. Auch wenn dem Musical ein Signaturhit mit sofortigem Wiedererkennungswert fehlt, auch wenn manche der emotionale Zustände spiegelnden Songs in ihrer exzessiven Leidenschaftlichkeit ein etwas anstrengendes Hörerlebnis bieten, besitzt "Dreamgirls" eine höhere musikalische Qualität als noch "Chicago". Und mit Sicherheit das bewegendere Ende, das im Unterschied zu Effies realem Vorbild (Florence Ballard) süß und nicht bitter ausfällt. kob.