
Claude Miller verknüpft jüdische Familiengeschichte um ein dunkles Geheimnis auf drei Zeitebenen: Sie verbindet die Zeit des Zweiten Weltkrieges mit den 1950er Jahren und der Gegenwart.
Neuanfang rund zehn Jahre nach dem Krieg, die 50er Jahre bedeuten Freiheit und Hoffnung, die Schatten der Vergangenheit sollen ruhen. Die ersten Bilder vermitteln Lebensfreude. Ein Freibad, gut gelaunte Gäste, fröhliches Gekreisch. Nur der siebenjährige François wirkt wie ein Fremdkörper. Ein schmächtiges Bürschchen mit eingezogenen Schultern, der sich nur mal kurz ins Becken traut während seine schöne Mutter die Blicke auf sich zieht und mit tollem Sprung ins Wasser gleitet. Der Vater ein durchtrainierter Sportler verzweifelt fast an seinem Sohn, der auch im Übungsraum zu Hause wie ein nasser Sack an den Ringen hängt. Der Kleine fühlt sich nicht akzeptiert und flüchtet in eine Fantasiewelt mit einem großen Bruder und zur jüdischen Nachbarin Louise, die ihn immer wieder aufmuntert und am 15. Geburtstag ein streng gehütetes Familiengeheimnis erzählt. Die Adaption von Philippe Grimberts Roman, der reale Tatsachen und Personen fiktionalisiert, ist ein facettenreiches Spiel auf drei Zeitebenen: Ende der 1930er Jahre mit ihrem Körperkult, Krieg und Judendeportation, die Kindheit und Jugend des Jungen in den 1950er Jahren und François als erwachsener Mann und Vater in der Gegenwart. Der aus einer Familie nicht-praktizierender Juden stammende Claude Miller betrachtet die Geschichte aus soziologischen Aspekten, verarbeitet eigene Erinnerungen, denn auch er verbrachte Stunden mit Lesen statt mit Körperertüchtigung. Im Gegensatz zu anderen Filmen, die Vorkriegsszenen und Vergangenheit oft in Sepia zeigen, sind hier die Gegenwarts-Passagen in schwarz-weiß, was dem Stil des Buches entspricht, in dem die Gegenwart in der Vergangenheitsform und die Vergangenheit in der Gegenwartsform geschrieben ist. Die Frage von Identität und Herkunft steht im Mittelpunkt, Menschen, die über ihre Wurzeln schweigen und sich und anderen dadurch Leid zufügen und die Zukunft der nächsten Generation erschweren. Der Zeitmix macht das Drama nicht gerade leicht zugänglich, dafür entschädigen die starken Emotionen und Schauspieler wie Cécile de France als blonde Femme Fatale und Ludivine Sagnier als herzergreifende naive junge Frau, die ihr Eheglück zerspringen sieht. mk.