
Alexander Sokurov erhielt für seine wuchtige Adaption von Goethes "Faust" den Goldenen Löwen und schließt damit seine Tetralogie über die Mechanismen der Macht ab.
Schon die erste Einstellung mit einem verschrumpelten Etwas zeigt, dass es hier nicht um feine Ästhetik geht. Das Teil ist ein Penis und gehört zu einem Toten, den Faust und sein Schüler sezieren. Dabei reden sie über den Ort der Seele, mehr theoretisch, denn im Folgenden geht es weniger um Philosophie als um die profane Gier nach Sex und Geld. Wer Mephisto als einen intellektuellen Verführer wie bei Gustaf Gründgens erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben. Alexander Sokurovs Mephisto erinnert mit seiner blässlichen Haut und seinem fratzenhaften Gesicht an ein hässliches Monster, das mit Ringelschwänzchen am Rücken nur abstoßend wirkt und unter Hänseleien leidet. Auch die Texte sind nur fragmentarisch dem Goethe-Original entnommen, der Großteil besteht aus einer sehr freien Stoffbearbeitung, Sokurov liest zwischen den Zeilen.
"Faust" mit dem österreichischen Theaterschauspieler Johannes Zeiler als Titel gebende Figur sowie Georg Friedrich, Hanna Schygulla und Florian Brückner ist ein visueller Faustschlag, der jegliche traditionelle Vorstellung in Stücke zerbricht und daraus Neues kreiert. Der russische Regisseur stellt Goethes Tragödie kongenial auf den Kopf und lässt in einer chaotischen Bilderwelt die niedrigsten Instinkte ausbrechen. Nach "Moloch" über Hitler, "Taurus" über Lenin und "The Sun" über den japanischen Kaiser Hirohito ist dies der letzte Teil der Tetralogie über den Missbrauch und die Mythen von Macht. Sokurov lässt seinen Faust durch mittelalterliche Gassen streifen und taucht die Bilder in düstere und verwaschene braune und grünliche Farbtöne, arbeitet mit Speziallinsen, die für eine eigenartige Verzerrung sorgen. In der sehr eigenen Umsetzung von Postapokalypse ist auch der Einfluss des deutschen Filmexpressionismus zu spüren. Faust unterschreibt den Pakt mit dem Teufel mit Blut, um nur eine Nacht mit Gretchen zu verbringen, eine zarte Nymphe - fast wie von David Hamilton mit Weichzeichner entworfen. "Faust" ist ein Filmkunstwerk mit außergewöhnlichen Einfällen. Wenn Gretchen und Faust zum Liebesspiel in den See fallen, mischen sich Fantasy und Realität, Mephisto triumphiert nicht, sondern wird unter Steinbrocken begraben. Am Ende sieht man kochende Geysire in Island, die sich ihren Weg an die Oberfläche suchen. Trotz deutscher Sprache ist "Faust" mit seinen Metaphern zutiefst russisch. mk.