
Süffisant prangert Claude Chabrol Korruption in Politik, Wirtschaft und Justiz an. Isabelle Huppert lehrt als Untersuchungsrichterin der bösen Bagage das Fürchten.
Sie hat einen Namen, der auf der Zunge zergeht. Jeanne Charmant Killman, ihres Zeichens Untersuchungsrichterin. So richtig charmant ist sie aber nur in den wenigsten Fällen. In dem neuen Fall über undurchsichtige Finanztransfers und Schmiergeldzahlungen auf höchster Wirtschaftsebene räumt sie rigoros im Saustall der Oberen Zehntausend auf. Als erstes gerät der arrivierte und an einer Allergie leidende Humeau in ihre Fänge, der bald nicht mehr im Luxus schwelgt, sondern in einer kargen Zelle sitzt. Nach und nach entwirrt Madame das Netz aus Lügen und Männer-Bündelei, legt sich mit den Herren im teuren Tuch an und sorgt in den Vorstandsetagen für Verunsicherung. Sie dreht den Spieß um, ist diejenige, die fragt und in die Enge treibt, die Macht ausübt. Eine Konstellation, die ihr gefällt und bei der sie nicht merkt, wie ihre Ehe zerbricht. Sie glaubt an die Unabhängigkeit der Justiz, ein naiver Fehler, wie sich am Ende herausstellt. Denn der Klebstoff der Politik, Wirtschaft und Justiz zusammen und am Laufen hält, heißt Machterhalt mit allen Mitteln. Claude Chabrol geht es um zwei Fragen: Wie weit kann man persönliche Macht ausweiten, ohne an die Grenzen zu stoßen? Inwieweit kann die menschliche Natur dem Machtrausch widerstehen? Der augenzwinkernden Ankündigung, eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen sei rein zufällig, sollte man keinen Glauben schenken, auch wenn Wirtschaftsdelikte manchmal als Kavaliersdelikte gelten. Im Verlauf des Aufsehen erregenden Verfahrens stellt der Altmeister immer wieder das quasi öffentliche Büro der Richterin ihrer Intimsphäre in den vier Wänden gegenüber, das Rollenverhalten als Staatsdienerin dem als Privatperson. Interessant die Konfrontation zwischen Klägerin und Angeklagten, die zwar auf verschiedenen Seiten stehen, aber doch etwas gemeinsam haben - beide sind keine Absolventen der "Grandes Ecoles", dem französischen Karriere-Türöffner, sondern schafften es aus eigener Kraft auf gehobene Position. Der Schwerpunkt liegt auf verbalen Duellen, so exquisit und psychologisch ausgefeilt, wie sie nur Chabrol gelingen, der hier zur Intensität seiner frühen Werke zurückfindet. Wenn bei diesem spannenden Katz- und Mausspiel einer wie immer großartigen Isabelle Huppert zwischen Erotik und Härte langsam die Zügel entgleiten, wird das gesellschaftliche zum individuellen Drama. mk.