
In seinem Regiedebüt entlarvt Julian Fellowes, Drehbuch-Oscarpreisträger für "Gosford Park", eine vermeintlich glückliche Ehe als parallelen Selbstbetrug. Ein erlesen geschriebenes und gespieltes Charakterstück mit großen zwischenmenschlichen Momenten.
Eingleisig ist der Provinzbahnhof, an dem Anne Manning (Emily Watson) ihren Mann James (Tom Wilkinson) regelmäßig vom Zug aus London abholt. Symbolisch für die Beziehung des Ehepaars, in der sich Anne den Wünschen und Ansprüchen ihres moralisch untadeligen, überkorrekten Manns untergeordnet hat. Der erfolgreiche Anwalt ahnt nicht, dass seine Interpretation von Glück - das komfortable, spannungsbefreite Einrichten im Wohlstandsleben der oberen Mittelklasse - nicht von seiner Frau geteilt wird. Ein tragischer Unfall, bei dem der Ehemann der Putzfrau der Mannings getötet wird, löst eine Kette von Ereignissen aus, die dem Juristen die Augen öffnen. Denn der geflüchtete Unfallfahrer ist nicht der von ihm verdächtigte Amerikaheimkehrer Bill Bule (Rupert Everett), sondern seine eigene Frau, die mit dem Aristokratensohn eine Affäre hatte.
Aus dieser Enthüllung heraus entwickelt Fellowes in seiner Adaption eines vor mehr als 50 Jahren veröffentlichten Romans eine Zweikomponentenkrise. Zum einen steht jetzt eine langjährige Ehe auf dem Prüfstand, in der der Mann trotz Vertrauensbruchs den Status quo beibehalten will, die Frau aber zu ihrem Liebhaber zieht. Zum anderen ringt Anne um die Befreiung ihres Gewissens, während die Polizei den Fall untersucht und James seine Frau und seine gesellschaftliche Stellung zu schützen versucht. Keiner der drei Hauptfiguren ist frei von Schuld, jede erarbeitet sich Sympathie, sogar Everetts sarkastischer Salonlöwe, dem aristokratische Arroganz aus jeder Pore tropft. Zentrum der Geschichte ist aber Wilkinson, der mit einer berührenden Darstellung die erstaunliche Verwandlung, den Einsichtsgewinn seiner Figur über das Wesen der Liebe deutlich macht. Die dabei geforderte Selbstlosigkeit zeigt sich auch in zwei tragischen, Verzicht leistenden weiblichen Nebenfiguren.
Dezent und subtil arbeiten Schauspieler und Regie bei Charakterisierung und Dramatisierung in diesem kleinen britischen Film zusammen, der kein Urteil fällt, selbst aber eines verdient hat: große Reife. kob.